1908: Karl Hartmann (1856-1910) erwirbt ein Grundstück

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Karl Hartmann und Frau Anna. geb. Ronte (1864-1926), sind 1902 mit Tochter und drei Söhnen im Alter von 17 bis 13 Jahren von Eiserfeld nach Betzdorf gezogen und betreiben ein Schülerheim im Haus Kirchenerstraße 5. Vom relativ umfangreichen Eiserfelder Eigentum (neugebautes repräsentatives Haus und Ländereien) blieben (nach den Vermögensverlusten des "Privatiers" im Konjunktureinbruch von 1900) nur noch Reste (in den Gemarkungen Eiserfeld und Niederschelden), aus deren weitgehendem Verkauf (an den Eiserfelder Landwirt Ernst Vetter) jetzt der Grundstückskauf in Betzdorf finanziert wird. Des Grundstücks Nähe zur neuen Oberschule ist nicht zufällig. Wahrscheinlich ist auch ein neues Wohnhaus in Aussicht genommen, vorallem aber ein Terrain als Grundlage für die Landschaftsgärtnerei des Sohnes Rudolf im südwestlichen, weniger steil abfallenden Teil. Das nächstliegende Gebäude ist die "Godesburg", ein neues großes Haus von Hedwig Herbeck geb. Wagner, die, wie auch der Schulgründer Fritz Stenger aus Godesberg nach Betzdorf gezogen war und wie Hartmanns ein Schülerheim betreibt. An der Kirchener Straße unterhalb des Grundstücks stehen bis dato wohl nur die Häuser Kern und Würden. Hartmanns Grunderwerb besteht aus ca 70 ar (7000 qm) Acker und Wiese im Südwesten und nach Nordosten anschließenden 6-800 Ruten (ca 7 Ruten = 1 ar, erworben wurden also ca 100 ar) Wald. Existenz und Verlauf der heutigen Fr. v. Stein Straße (vormals auch "Godesburgstraße" und "Struhofweg") werden durch die Kaufakte festgelegt. Karl Hartmann stirbt, 55 jährig, 1910, Anna führt das Schülerheim weiter.

Kaufakte 1908, Flurkarte 1910

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1919: Kostenanschlag für Wohnhausbau

Alfred Dinkelacker und Klara geb. Hartmann sind mit zwei Kindern im Alter von 4 und 7 Jahren, aus Essen ins (Betz-)Dorf der Großmutter gezogen, wo Alfred sich um eine Stelle am Gymnasium beworben und sie auch erhalten hat. Er lässt noch im selben Jahr die Sieg-Baugesellschaft (die Herren Bohl, Pröls) einen Kostenanschlag für ein Wohnhaus erstellen. Das Ergebnis: 57640 Mark bei einem Maurer-Stundenlohn von 1,85 Mark.

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1922: Verkauf einer Parzelle des Grundstücks

Anna Hartmann verkauft eine Parzelle an den Fiskus mit der Bedingung, dass der Bau einer Dienstwohnung für Forstsekretär Müller unverzüglich in Angriff genommen wird. Da die Forstverwaltung zögert, verweist die Verkäuferin in einem Schreiben nach Berlin auf die Klausel. Der Bau wird begonnen und eigens, wie vertraglich vereinbart, eine stärkere Wasserzuleitung verlegt, an die weitere Bauten angeschlossen werden können

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Inflation 1923

31. August 1922: Anna quittiert den Erhalt einer Anzahlung von 15 000 Mark für das Grundstück. Seit dem Mord an Walther Rathenau im Juni 1922 hat sich die Geldentwertung bechleunigt und erreicht im November 1923 ihren Höhepunkt. Annas Schreiben nach Berlin datiert vom Juli 1923.

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1924/25 Hausbau

Neuer Kostenanschlag, jetzt der Firma W. &. E. Schneider / Betzdorf, die auch auf dem Nachbargrundstück baut (die Maurerlöhne liegen jetzt bei ca 57 Pfennig (Goldmark?). Baugenehmigung.

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Planzeichnung, Rohbau: Handwerkerteam, Hausherr, Schwiegermutter mit 11jähriger Enkelin und 4jährigem Enkel; Ein Jahr nach dem Einzug

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Baufinanzierung

Im Juli 1925 belaufen sich die Baukosten voraussichtlich auf 28 000 RM. Ein Arbeitgeberdarlehen wird beantragt und unter dem 9.9.1925 auch bewilligt: 5000 RM aus dem staatlichen Wohnungsfürsorgefonds und 5000 RM als Arbeitgeberhypothek. 1924 waren bereits 3000 Rm Hauszinsdarlehen zu 3% Zinsen geflossen, gleichen Zinssatz hat auch der Wohnungsfürsorgefonds, während das Arbeitgeberdarlehen zu 5% zu verzinsen ist. Von der Kreissparkasse werden unter dem 15.10.1926 2000 Goldmark zu 9% Zinsen ausgezahlt. Eintragung ins Grundbuch mit Vorrang vor einer Hypothek von 3000 Goldmark der Bürgermeisterei Betzdorf. Zum gleichen Zinssatz wird weiteres Geld von der Kreissparkasse aufgenommen, sodass die Gesamtschuld 1930 bei 11700 Rm zu liegen scheint und sich bis 1937 kaum vermindert, wobei allerdings die Zinsen auf 5% fallen. Die Rechnung der Baufirma Schneider wird zu einem geringeren Teil dadurch beglichen, dass der nordöstliche Teil des Grundstücks, jenseits des an die Forstverwaltung verkauften, als Bauland an sie abgetreten wird. Im Lauf der Jahre werden immer wieder Privatdarlehen (zum Sparkassenzins) von Freunden und Bekannten aufgenommen. 1929 wird ein besonders teures (12%) Bürgschaftsdarlehen von 2000 Rm von der Bürgermeisterei Betzdorf in Anspruch genommen, es bürgen der Freund Edmund Mugler/Siegen und ab 1936 der Schwiegersohn Paul Schlüpmann. Beim Einzug hat der Bau alles in allem ca 31 000 Rm gekostet. Hinzu kommen ca 2500 Rm für Wege und Gartenanlage. Weiter kommen 1929 ca 2700 Rm für den Außenputz hinzu. Am Bau beteiligt sind ausser der Firma Schneider (u.a.)die Firmen bzw. Handwerksbetriebe Nickel (Heizungsbau) Weyand (Bauholz), Sänger (Niederschelden, Schreinerei), Walter (Schreinerei), Volz (Maler), Ebener (Installateur), Euteneuer (Elektroinstallation), Conrad (Außenputz), Ruckes (Zimmerer).

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Gutachten zum Wert des Anwesens 1925:

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Einrichtung

Die unteren Etagen werden von einem blau emaillierten Heizkessel im unteren Wohnzimmer über gusseiserne (in der Mehrzahl bis heute funktionstüchtige) Heizkörper zentral geheizt. Im zweiten Stock standen Einzelöfen. Anna Hartmann richtet sich dort ein. Für die 61 jährige, großzügige und unabhängige Wohnverhältnisse gewohnte, mag die Umstellung nicht gerade leicht sein.

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Erbfolge

Nur ein Jahr nach dem Einzug stirbt die Großmutter. Seit dem Tod ihres Mannes 1910 lebte sie in "westfälischer Gütergemeinschaft" mit ihren Kindern. Von Sohn Gerhard war sie seit einer Vermisstenmeldung 1915 ohne Nachricht, er war nach Kriegsende für tot erklärt worden. Sein Erbteil ging an Mutter und Geschwister.

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Umbauten

1933 wird Alfred Dinkelacker zwangspensioniert (aus politischen Gründen, er war langjähriger Vorsitzender der von ihm gegründeten Kreisgruppe der DDP und Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold). Das dem bisherigen Dienstalter entsprechend verminderte Ruhegehalt wird zusätzlich um 1/3 gekürzt. Angesichts der durch den Hausbau entstandenen Zins- und Schuldendienstlasten sollen Einnahmequellen aufgetan werden. Zusätzlich zur oberen wird die mittlere Etage zur Vermietung umgebaut, zum Treppenhaus hin abgeschlossen (die jüngere Tochter wird sie mit ihrem Ehemann (und kommenden Kindern) bewohnen). Unterm Dach wird ein Mansardenzimmer eingerichtet und im Erdgeschoss das Wohnzimmer durch eine Trennwand in zwei Schlafzimmer geteilt (für den 13-jährigen Sohn und einen in Pension genommenen Mitschüler). Der Heizkessel wird aus dem Wohnzimmer in die Küche verlegt.

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Ein "Reichszuschuss" zur Übernahme eines Kostenanteils von bis zu 50% wird beantragt. (Die "Stelle bei der SS" des Schwagers, Landschaftsgärtners, Gutsverwalters, Unteroffiziers, Stahlhelm- und NSDAP-Mitglieds ist die eines Hausmeisters im "Braunen Haus" in Siegen. Das Wissen um Folter in den Kellerräumen ließ ihn jedoch zusammenbrechen und über die Partei erhielt er einen Posten als Zählerableser bei den Stadtwerken (bis er 1944 zum "Westwall-" Bau eingezogen wurde.)

 

Ausklang

Der Hausherr ca 1930 auf dem Balkon der ersten Etage; Blick aufs Haus vom (1933 bis in die 1950er Jahre intensiv bewirtschafteten) Garten des südwestlichen, Nachbargrundstücks (bis 1956 ungeteilt im Besitz der Erben Hartmann) Frühjahr 1942:

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Im Frühjahr 1945 fallen 3 Sprengbomben, die erste 20m unterhalb des Hauses und 2 weitere in gößerer Entfernung (ca 40 und 50 m im Süden oberhalb. Nahezu alle Fensterscheiben sind zerstört, manche Türrahmen haben gelitten, die Dachpfannen sind abgehoben und zum Teil zu Bruch gegangen. Aber Dachstuhl und Wände sind (bis auf Risse in den Schrägen des Obergeschosses) intakt geblieben. 1956 erhält der Außenputz einen neuen Anstrich (Firma Eugen Volz). 1958 stirbt Alfred Dinkelacker (seit 1945 im Beruf rehabilitiert und seit 1948 pensioniert) und hinterlässt Haus und Grundstück nahezu schuldenfrei seiner Frau Klara, geb. Hartmann (1885-1976). Aus ihrer Schenkung an die beiden Töchter (unter Vorbehalt lebenslangen Wohnrechts) übernimmt Lore Schlüpmann geb. Dinkelacker (1914-2009) Haus und Grund und zahlt den Gegenwert ihres Anteils an ihre Schwester. !959 beläuft sich der gechätzte Verkaufwert (s.u.) auf 58 000 DM (ca 118 000 EU unter Zugrundelegung der allgemeinen Kaufkraftentwicklung - eine Angabe, die natürlich keine Aussage über die Wertentwicklung von Immobilien ist, weder im Allgemeinen noch im vorliegenden Fall).

 

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(Blick aus Süd-Südost ca. 1948; im Vordergrund die heutige Freiherr vom Stein Straße.)