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"Wenn ich eine Frau zum ersten Mal treffe, erstarre ich in Schüchternheit und wenn ich sie dann näher kenne, erweise ich mich als grobschlächtig und brutal." Der Mann, der seine Fehler so rückhaltlos eingesteht, war einer der mächtigsten bolschewistischen Revolutionäre. Felix Dserschinski, der Chef der Tscheka, der ersten sowjetischen politischen Polizei, hatte also ein Privatleben, das gegebenenfalls sein öffentliches Handeln erklären könnte (eine Logik, die sich in Frankreich gegenwärtig großer Beliebtheit erfreut: eine Flut von Büchern sucht die Gründe für die Niederlage der einen, den Sieg des anderen bei der Präsidentenwahl in Geschichten aus der Privatsphäre). Die Wochenendausgabe der Iswestja weiß zu berichten, dass ein Verlag zu seinem 130. Geburtstag (er kam am 11. September 1877 in der Nähe von Wilna/Litauen jenseits der heutigen Grenze mit Weißrussland zur Welt) und zum 90.Geburtstag des "Wetscheka" (Allrussisches Außerordentliches Komitees zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage) den Briefwechsel mit seiner ersten (großen) Liebe, Margareta Fjodorowna Nikolajewa unter dem Titel "Ich liebe Dich" herausgebracht hat. Es war also der verliebte Felix Edmundowitsch, der sich seiner Flamme derart offenbart.

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Man glaubte, (fast) alles über den eisernen Felix, wie er genannt wurde, zu kennen: sein asketisches Leben, seine revolutionären Überzeugungen, seine Nähe zu Lenin und Rosa Luxemburg. Zumal seit der Öffnung der Archive der Oktoberrevolution, auch wenn zu seinem Herztod mit 49 Jahren nicht alle Zweifel ausgeräumt wurden. Manche sahen hier eine der ersten Säuberungsaktionen Stalins, der einen lästigen Zeugen hätte ausschalten wollen, aber es ist warscheinlicher, dass der Geheimdienstchef - denn das war er weiterhin, auch nach der Umbenennung des Dienstes in GPU (Politische Hauptverwaltung)- der Belastung durch die Fraktionskämpfe in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erlag. Man glaubte (fast) alles zu wissen. "Aber es fehlte die Hauptsache, erklärt der Historiker Alexander Michailowitsch Plechanow: die Liebesbriefe, die uns diese so komplizierte Persönlichkeit verstehen lassen: er hat drei Revolutionen und einen Bürgerkrieg überstanden."

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Der Briefwechsel, der von Margarita bis zu ihrem Tod wunderbar bewahrt wurde (sie starb 1957 mit 84 Jahren und lebte in Piatigorsk, wo sie Besucher durchs Museum des Dichters Lermontow führte), belegt eine kurze und intensive Beziehung. Nach ein paar Monaten des Zusammenseins im Jahr 1898 wurde Felix in den Norden relegiert und ihre Liebe überdauerte das Ende des Jahrhunderts nicht. Die körperliche Gebrechlichkeit von Felix warf schon damals ihre Schatten: "Man hat mir mitgeteilt, dass ich nur noch ein oder zwei Jahre leben werde. Geh und setze Deinen Weg für uns beide fort, und ich werde in aller Ruhe aus dieser Welt scheiden können".

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Auf einen Brief, in dem sie ihm noch ein Mal schreibt, wie sehr sie ihn vermisse, antwortet er mit einem letzten Gruß: "ich will Dir Deine Zukunft nicht zerstören, meine revolutionäre Tätigkeit erlaubt mir keine Sentimentalitäten, ich werde immer und ewig ein Vagabund und ein Fremder bleiben." Die Journalistin der Iswestja, die das Mitglied der Akademie, den Historiker Plechanow (der Entdecker und Herausgeber der neuen Archivfunde) befragt, findet, dass sei doch die ziemlich banale Formulierung eines Mannes, der eine Beziehung feige abbricht und sich dabei eine schönere Rolle zuweist. Elena Loria hat eine gute Intuition: tatsächlich hat der schöne Felix gerade Julia Goldman getroffen, eine Revolutionärin wie er und krank wie er. Die Beiden gehen eine Zeit lang (kaum drei Jahre) gemeinsame Wege, dann wird Julia in die Schweiz geschickt, wo sie in einem Sanatorium stirbt.

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Im Leben des asketischen Felix wird es noch eine Sabine geben, dann eine Sophie, die seine Frau werden wird (sie werden einen Sohn haben). Und auch noch andere, meint der Historiker und schließt: "Auch wenn seine Familie ganz solide aussieht, ein normales Familienleben, wie wir es heute verstehen, konnte er nicht führen." Schade, dass er auf das heute normale nicht näher eingeht... In Moskau war die Statue, des obersten Tschekisten eine der ersten, die 1991, nach dem Fall der Sowjetunion vom Sockel geholt wurde. Neuerdings hat der Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow, vorgeschlagen, sie wieder aufzustellen, denn für ihn stünde der Name dieses Bolschewiken in erster Linie "für den Kampf um die Wiederherstellung der Eisenbahnverbindungen und für den Kampf gegen vagabundierende Horden". Ist das nicht der Gipfel für einen der sich als "ewigen Vagabunden" sah?...