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Also, das war die Woche von allerlei unterschiedlichen Anbetungen unter nahen und fernen Breiten. Angefangen mit Hamburg in einem Deutschland, dessen Tageszeitungen vom Süden bis zum Norden sich in Hingabe ergingen, als der Dalai Lama in der großen Hafenstadt im Norden den Boden betrat um 30 000 Anhängern zu begegnen. Aus den Leitartikeln erfährt man: dass der Dalai Lama sich äußerst glücklich schätze, hier zu Besuch sein zu können (Die Welt); dass er eine Botschaft der Hoffnung bringe, besonders für die Frauen, die in seiner Philosophie eine zentrale Stellung hätten (Fuldaer Zeitung); und dass er sehr populär sei, ebenso sehr wie, wenn nicht noch mehr als Papst Benedikt XVI. (obwohl der doch ein Deutscher...)

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Weiter geht’s mit Indien, wo eben gerade eine Frau (also jemand, der unserem obigen Helden am Herzen liegt), eine Frau aus Fleisch und Blut, zur allgemeinen Überraschung in diesem Land von den Dimensionen eines Kontinentes zur Präsidentin gewählt wurde. In indirekter Wahl, gewiss, und auch nur für eine repräsentative Funktion - und dennoch ist das eine Premiere. Pratibha Patil, 72 Jahre alt, wurde von einem Wahlgremium von Parlamentariern und Politikern trotz kontroverser Umstände (hat sie oder hat sie nicht ihren Bruder und ihren Gatten im Fall eines zweifelhaften Selbstmordes in unzulässiger Weise geschützt?) mit 66% der Stimmen gewählt. Die neue Präsidentin, "die den Sieg der seit langem vom indischen Volk getragenen Prinzipien symbolisiert", teilt die Titelseite des Telegraph, der eher links gerichteten großen Tageszeitung mit ... Harry Potter, der göttergleichen Traumfigur: Ein zweifaches: "Hurrah! Her and Harry’s" titelt das Blatt. Nicht wahr, fast eine Milliarde Leser, das beflügelt die Fantasie?

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Auch der anderen indischen Tageszeitung, der DNA ist das Zusammentreffen nicht entgangen, doch um des Schocks willen, wenn nicht der Zivilisationen, so wenigstens der Gefühle. Folglich stellt die Titelseite ein geöffnetes Buch dar: zwei Seiten, die symmetrisch wären, nur dass die eine ein Bild in schwarz-weiß aufweist, die andere eins in Farbe. Links die "tragische Stadt", rechts die "magische Stadt". Es geht um Bombay, um eine der Megalopolen dieser Welt, von der es in unseren Tagen heißt, dass die Immobilienpreise mit dem indischen Wirtschaftaufschwung außer Rand und Band geraten und Slumquartiere in denen hunderttausende von Menschen zusammengepfercht leben, mit Gold nicht aufzuwiegen sind. Stadtteile, in denen Fehlernährung herrscht, berichtet DNA, eine Erscheinung die man verschwunden glaubte, und die auf spektakuläre Weise zurückkehrt: seit Anfang des Jahres starben hunderte von Kleinkindern. Und auf der anderen Seite ein Junge, etwas wohlgenährter als der Durchschnitt, der unter den strahlenden Augen seiner Mama ein Buch verschlingt, eben das letzte Harry-Potter-Opus. Könnte man nicht vielleicht Harry, den Zauberer, um seine Hilfe bitten, das Problem der anderen Seite zu lösen?

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Auch der Diario de Yucatan hat die neue indische Präsidentin nicht übersehen. Aber sie ist ganz klein, erdrückt vom Potter-Wahn, der bis in die letzte Ecke des Landes reicht... Zur Illustration der weltweiten Neurose bringt die Zeitung das Foto eines neunmonatigen Säuglings, der zu allem Unglück auch noch in Arkansas geboren wurde und den seine Eltern mit einem Harry-Potter-Kostüm verunstaltet haben. Er scheint sich zu fragen, ob er nicht besser daran getan hätte, gar nicht erst auf diese wunderbare Welt zu kommen...

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Je mehr, desto besser! Die Gulf News haben passenderes gefunden als den Dalai Lama, Harry Potter oder die indische Präsidentin: den neuen höchsten Teufelsbau der Welt, eine Kathedrale der Modernität, deren Minaret bis zur schwindelnden Höhe von 512 Metern reicht und womöglich jede Art von Selbstmordgedanken beflügelt (jede technologische Neuerung trägt ihre zukünftige Katastrophe in sich, sagt Paul Virilio). Der riesige Phallus von Dubay beanspruche eine Bauzeit von 1267 Tagen, werde 2008 eingeweiht und übertreffe dann den Taipeh 101 von Taiwan, der nur 508 Meter hoch ist.

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Die Washington Post hat das ganze Blendwerk verachtet, um die in dieser Sommerzeit erlahmte Aufmerksamkeit ihrer Leser auf das Schicksal der Gorillas im ältesten afrikanischen Naturpark, dem Virunga Park im Osten des Kongo zu lenken. Die sympathischen Säuger und ihre (nicht weniger sympathischen) Hüter wurden zur Zielscheibe von Mördern, deren Beweggründe ziemlich im Dunkeln liegen, Wilderer vielleicht, eher noch Sadisten. Der Bericht verweist auf einen einige Jahre zurückliegenden Dokumentarfilm über eine Gorilla-Gruppe, die in Rwanda ausgelöscht wurde. Zwei australische Forscher hatten drei Jahre lang die Tiere beobachtet und minutiös ihre alltäglichen Taten und Gesten aufgezeichnet. Sie waren zu dem erhellenden Schluss gekommen: Gorillas schlagen sich nicht, sie schimpfen, gestikulieren, werfen böse Blicke, schlagen mit ihren Händen aufs Wasser (das ist die höchste Stufe ihrer Aggressivität!), aber es kommt nie zum Handgemenge. Die Forscher hatten hinzugefügt: Gorillas schlagen sich nicht, weil sie nicht wollen, dass ihnen etwas weh tut. Da soll noch einer sagen, wir Menschen hätten die höchste Form von Zivilisation erreicht!