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Ich höre schon die Kommentare: wie kann man nur angesichts der unglücklichen australischen Ureinwohner einen Schrei der Empörung ausstoßen und dann sich für Pferde einsetzen! Ach ja. Vor Jahren wäre eine innige Freundschaft beinahe wegen eines ähnlichen Problems in die Brüche gegangen: Wir waren gerade auf der griechischen Insel Santorin gelandet, die Temperaturen lagen bei 45 Grad im Schatten, und wir hatten die Wahl, die eindrucksvolle Felswand vor uns zu Fuß oder auf Maultierrücken zu erklimmen... Reiter, die wir sind, entschieden wir uns für die bequemere Tour. Unterwegs wäre die kleine Fuchsstute vor uns unter der Last eines dicken amerikanischen Touristen fast zusammengebrochen, und neben uns wurde ein schreckliches Geräusch, wie von einem Motor immer stärker: der Maultiertreiber ging zu Fuß hinter den Tieren und schien einem Schlaganfall nahe. Angekommen und voller Schuldbewußtsein fielen wir in ein wildes Streigespräch: wer litt mehr, der Mann oder die Tiere? Ich bestand auf dem Menschen, dem erschöpften Arbeiter, der seine Familie ernähren muss, Isabelle, meine Mitreisende, stand auf Seiten der Tiere, der unschuldigen Geschöpfe, die wehrlos der Ausbeutung bis zum Übermaß ausgesetzt sind.

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Die denkwürdige Auseinandersetzung (die bis heute nicht entschieden ist) kam mir wieder in den Sinn als ich in der Moskowskaja Prawda vom Montag, dem 25. Juni den Artikel von Jelena Serowa las: "Pegasus in der Megapole". Sie berichtet vom Schicksal der Moskauer Pferde: zwei Drittel von ihnen würden in guten wie in schlechten Jahren gut behandelt. Aber die anderen! Sie arbeiten den Tag lang wie Strafgefangene, transportieren Touristen, bringen Kindern Spaß oder dienen zum Reitenlernen und bleiben den ganzen Tag ohne Fressen und Trinken, der Laune ihrer Besitzer ausgesetzt. Die Journalistin spricht ohne Zögern von Ungeheuern an Grausamkeit. Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Stillschweigen, das in diesem Milieu herrschte, und diejenigen die sich gut um ihre treuen "Arbeiter" (die bis zu 1000 Rubel pro Fahrt einbringen, das sind etwa 30 Euro) kümmern, zeigen die schwarzen Schafe ihres Berufs jetzt an und sagen auch, dass die Pferde der Miliz manchmal nicht besser behandelt werden. Das ist nun wirklich die Höhe in einem Land - dem einzigen auf der Welt, soviel ich weiß - in dem Zar Nikolaus I. zu Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Sommerpalast Zarskoje Selo ein Heim für altersschwache oder verwundete Pferde einrichten ließ und einen Pferdefriedhof, der über 120 Grabstätten zählt.

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Gleichzeitig existiert eine beeindruckende Zahl von Gesetzen der Föderation und Regeln auf Stadtebene, die Mißhandlung von Tieren und insbesondere von Pferden verbieten. Eine Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, Zuwiderhandelde auf frischer Tat zu ertappen. Der Schriftsteller Alexander Gerassimow, einer der entschiedensten Pferdeverteidiger unserer Tage, stellt in seiner Anthologie russischer Dichtung fest, dass Pegasus in allen Epochen ein Lieblingsthema russischer Dichter war. Wladimir Majakowski schrieb sogar ein Gedicht mit der Überschrift "Vom guten Umgang mit den Pferden". Es beginnt so: "Wir alle haben etwas in uns von einem Pferd..." Die Verwirrung nimmt kein Ende, was unseren Streit auf Santorin angeht.

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In einem anderen kalten, nordischen Land, in Kanada, kam auch ein Pferd auf die Titelseite des Globe and Mail, einer der wichtigsten englischsprachigen Tageszeitungen des Landes. Doch war der Star eher die Reiterin: "Die Dame ist ein Champion" titelte die Zeitung. 148 Jahre hat es gedauert, bis eine Frau das "Queen’s plate" (wörtlich "Teller der Königin") gewann, das älteste Pferderennen Nordamerikas, das allen Widerständen zum Trotz immer ausgetragen wurde, selbst während der beiden Weltkriege. Emma-Jayne Wilson hatte sich mit 19 Jahren in ihrem Tagebuch geschworen, ein großer Jokey zu werden (noch ein Wort das nur männlich existiert?). Sechs Jahre später kam die in Ontario geborene mit dem reinrassigen Mile Fox zum Ziel, einem schönen Braunen, der uns nicht mitgeteilt hat, was er von seiner "Arbeit" als Athlet hält...

Wie steht es also, wer ist mehr zu bedauern, Mensch oder Pferd?