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Meine bevorzugte argentinische Tageszeitung, Pagina 12 ist deshalb die bevorzugte, weil sie jeden Tag ein schönes Bild auf die Titelseite setzt und mir das bei meinen mageren Spanischkenntnissen zu verstehen hilft, um was es im entsprechenden Artikel geht. Und jetzt hat sie mir wieder mal Freude bereitet mit einer Spalte zur Ungleicheit von Frauen und Männern im Land der Kühe und der Pampas. Schon im Titel wird Farbe bekannt: "Los, ihr Frauen, zurück zum Abwasch!" Zu diesem Schluss kommt die Journalistin Maria Carbajal nach Lektüre eines umfangreichen Berichts der "Lateinamerikanischen Arbeitsgruppe zur Gleichstellung der Geschlechter", dem Ergebnis einer gründlichen Untersuchung zur Stellung der Frauen in Führungspositionen der Unternehmen, der Gewerkschaften, der Parlamente, der Rechtsprechung usw., usw. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Abgesehen von der Frau Präsidentin, Cristina Fernandez de Kirchner, herrscht für Frauen die Wüste Gobi.Immerhin können die Argentinierinnen stolz sein, eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt zu haben und auch, dass in den lokalen und regionalen Wahlen 30% der Kandidaten Frauen sein müssen. Damit kommt Argentinien auf den 12. Rang weltweit, was Frauen in politischen Institutionen angeht, weit vor den Vereinigten Staaten zum Beispiel.

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Aber auf allen anderen Gebieten herrscht das Elend. Eine ähnlich gründliche Durchleuchtung der Verhältnisse würde zweifellos in anderen Ländern Lateinamerikas, ja über alle Kontinente hinweg noch schlechter ausfallen. Die Forscher wollten den Zusammenhang von Macht und Geschlecht in Argentinien untersuchen. 13677 Beschäftigungsverhältnisse in allen möglichen Bereichen wurden genau betrachtet: in jeder der drei Gewalten, der exekutiven, der legislativen, der Rechtssprechung, aber auch in Unternehmen, in Gewerkschaften wurde die Beteiligung von Frauen an Entscheidungen registriert und anschließend nach Noten von 0 bis 10 beurteilt. Note 5 im Mittel bedeutet dabei strenge Parität in Führungspositionen. Am Ende kam für Argentinien 1,5 heraus, dabei sind die Frauen unter den Parlamentariern, wie wir gesehen haben, eher relativ stark vertreten. Das bedeutet also, das sie in den Unternehmensleitungen, unter den Gewerkschaftsfunktionären und in der höheren Gerichtsbarkeit praktisch garnicht vorhanden sind.

Studien in Schweden, Norwegen oder Finnland kamen zu ähnlichen Ergebnissen, obwohl diese Staaten immer als Beispiel für bewusste Bemühung um Geschlechtergleichheit gelten. Politologen und Soziologen haben sich gefragt, ob die Macht eigentlich noch immer bei den Politikern liege. Deutet nicht der wachsende Anteil von Frauen unter lokalen und Europaabgeordneten insgeheim auf etwa hin, was man nicht gern eingesteht? Ähnlich wie der höhere Anteil von Frauen in der Lehrerschaft auf einen Ansehensverfall des Berufs zurückzuführen war, könnte der Zuwachs von Frauen in den Parlamenten das Ende der gesetzgebenden Gewalt einläuten. Es ist ja nicht so, dass Frauen weniger kompetent wären als die Männer (oft sind sie wesentlich gewiefter als ihre männlichen Kollegen), wohl aber könnten die Männer zwecks Erhaltung ihrer Privilegien und ihres Ansehens ihre Interessen in Wirtschafts- und Gesellschaftinstitutionen verlegt haben, was - das muss man sagen - sehr gut zum gegenwärtig herrschenden liberalen und weltweit kalkulierenden Denken passt.

Das erstaunt Sie doch nicht?