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Ein Name, der in der letzten Zeit weniger häufig zu sehen und zu hören war, nämlich der von Tariq Ramadan, ist wieder da. Und zwar auf den Titelseiten von zwei prestigeträchtigen Blättern diesseits und jenseits des Atlantik, der schweizerischen Le Temps (Die Zeit) und der amerikanischen New York Times... Wenn der Denker, Philosoph und islamische Theologe jetzt die Szene wieder betritt, dann weil er mit der Verwaltung in Amerika prozessiert. 2004 war er eingeladen, an der Universität Notre Dame /Indiana zu lehren. Aber die Regierung Bush verweigerte ihm das Einreisevisum, zunächst wegen "Billigung oder Unterstützung" terroristischer Aktivitäten, und als dieser Grund für nicht stichhaltig befunden wurde, wegen einer Spende an die Association de secours palestinien (Vereinigung Hilfe für Palestina), eine Organisation die verdächtigt wird, mit der Hamas in Verbindung zu stehen. Seinerzeit wurde um die Visumsverweigerung weder hier noch drüben viel Aufhebens gemacht: die Welt stand noch unter dem Schock der Attentate des 11. September 2001, dem gegenüber schienen Episoden wie diese nebensächlich.

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Heute geht die Affaire in Berufung, George W. Bush gehört der Geschichte an, und mit Barack Obama stehen die Zeichen auf Dialog. Zweifellos ist es dieser Hitergrund, der John Schwartz den Anfang zu dem Artikel liefert, den er dem Gerichtsverfahren widmet: "Tariq Ramadan, ein angesehener schweizer Intellektueller...". Er lässt dannmehr und mehr "angesehene", immer zahlreichere Stimmen zu Wort kommen, die den Bann aufheben und den Dialog mit den gemäßigten Islamisten aufnehmen wollen. Le Temps unterstützt diese Forderung sozusagen spiegelbildlich, obwohl die Genfer Tageszeitung auch berichtet, dass die Fronde gegen den Islamgelehrten alles andere als Vergangenheit ist: "Feinde des Landes haben kein Recht hier zu reisen und zu arbeiten. Ein Sieg Ramadans wäre eine Bestätigung mehr, das Amerika unter Barack Obama in eine Gefälligkeitsmentalität zugunsten derer, die uns zerstören wollen, abgleitet", schreibt Jonathan Tobin, einer der Anführer der Neokonservativen.

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Ich kenne Tariq Ramadan nicht sehr gut, ich weiß was ich von ihm gelesen habe und manchmal anregend fand. Ich erinnere mich auch, dass er nach den Attentaten vom 11. September (genauer im Dezember 2001) in Le Monde eine lebhafte Polemik gegen den wachsenden Antisemitimus in den französischen Vorstädten publizierte. Ich mag mit ihm nicht immer einig sein, aber ich habe mich immer auch gefragt, wie die maßlosen Verdächtigungen entstehen konnten, er spreche doppelzüngig, ja, sein Denken sei zwiegespalten. Ich habe mich gefragt, wie seine Ankläger das fertig brachten: haben sie ein spezielles Gerät, mit dem sie im Gehirn des Mannes lesen können? In anderen Zeiten verbrannte man katholische Kirchenväter wegen des Verdachts falschen Denkens. Inquisition nannte man, was vor nunmehr sieben Jahrhunderten in Europa umging..

John Schwartz erinnert auch daran, dass die Vereinigten Staaten in Zeiten des kalten Krieges Leuten wie Gabriel Garcia Marquez, Pablo Neruda oder Doris Lessing die Einreise verweigert haben. Lauter gefährlichen Terroristen, versteht sich...