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Die Krise, sagt man uns, sei weltweit. Doch die Stimmen, die man uns zu hören gibt, kommen zumeist aus den Vereinigten Staaten und aus Westeuropa. Dabei zeigt schon ein flüchtiger und gewiss subjektiver Überblick über den Globus, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Wallstreet-Niedergangs sind und wie überall, in gewisser Weise, eine Art nationalistische Versteifung zu beobachten ist.

Angefangen mit Kanada. Von dort erfährt man, wenn man Le Devoir liest, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht: nicht auf dem mehr oder weniger virtuellen Finanzplaneten, sondern in der realen Wirtschaft. Trotz eines sehr viel solideren Bankensystems als in den USA schätzt das Blatt, dass "die Verzerrung zwischen sogenannter Realwirtschaft einerseits und der Finanzkrise andererseits... nicht andauern kann."

Gehen wir nach Australien, wo der ehemalige liberale Finanzminister Peter Costello sich in seinem BLog in den Kolumnen des Sidney Morning Herald vor Genugtuung die Hände reibt. Dieser Politiker findet anerkennend. dass sein Land eine solide Finanzgesetzgebung hat und gesteht, dass er als Australier sich wünsche, dass es Washington schnell gelingt, den Niedergang mit dem Rettungsplan aufzuhalten, doch dass er sich als amerkanischer Steuerzahler sicherlich sehr darüber ärgern würde, dass man ihn für das zerbrochene Porzellan zur Kasse bittet. Im Übrigen hat die australische Labour-Regierung gerade neue Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzen ergriffen und gleichzeitig ein Programm zur Förderung ökologischen Bauens lanciert, als hingen Klimaerwärmung und überhitzte Börse zusammen.

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In Asien gibt die JoogAng Daily, eine der größten Pressegruppen Südkoreas zu, dass die koreanische Wirtschaft nicht vorgeben kann, dass sie nicht vom Dominoeffekt der Wallstreet betroffen wäre. Auch sie stürze dem Abgrund entgegen und das einzige Mittel, nicht unterzugehen, sei eine Art nationaler Allianz von großen Firmen und Regierung. Umsomehr, als im Land das flüssige Geld zu fehlen beginnt, und mehr und mehr Bürger immer öfter das Geld in ihren Geschäften klappern und knistern hören wollen. Dagegen behauptet der große Nachbar Indien, er sei von dem Erdbeben überhaupt nicht betroffen. So hat der Handels- und Industrieminister in aller Ruhe festgestellt, dass "die dunklen Wolken über der Weltwirtschaft die indische Wirtschaft nicht berühren, weil diese mit dem Hypothekenmarkt nichts zu tun hat". Er lädt die Investoren der Welt ein, sich in diese, auf so wunderbare Weise stabile, Gegend unseres Planeten zu begeben.

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Die russische Presse schwankt noch zwischen Zorn und Ironie. Da die Beziehungen mit den Vereinigten Staaten nicht gerade die besten aller Zeiten sind, hat sich die Doppelspitze des Landes, Putin/Medwedjew, als sie der jungen Moskauer Börse helfen musste, einigermaßen über die schlechte Regierung George W. Bush aufgeregt. Die regierungsnahe Izwestja mokiert sich über die Titanen, die mit der Titanic untergehen und meint, das Unglück der Einen sei das Glück der anderen und bescheere der russischen Gesellschaft eine patriotische und nostalgische Auferstehung. Weiter westlich teilt man die Vorwürfe. Die größte polnische Tageszeitung der politischen Mitte, Gazeta wyborcza, klagt über die "amerikanische Roulette", während die wohl eher linke italienische Repubblica von den Vereinigten Staaten fordert, dass sie die alleinige Verantwortung übernehmen. Der Leitartikler der Genfer Le Temps sieht in solcher Herausforderung Amerikas eine Chance für den alten Kontinent: er kann seinen Beobacherstatus aufgeben und den mächtigen Nordamerikanern die Führung abnehmen.

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Im Süden konstatiert die algerische wirtschaftliche Tageszeitung La Tribune eine Welle des Nationalismus. Der Gouverneur der algerischen Staatsbank will beruhigen, indem er auf die bedeutenden offiziellen Währungsreserven aus der Ölindustrie hinweist. Weil jedoch der Ölpreis voraussichtlich sinken wird, soll der algerische Markt verstaatlicht werden. Mit Interesse stellt man fest, dass sich, jenseits des Maghreb, die meisten afrikanischen Staaten vor dem weltweiten Elend sicher fühlen. Ein merkwürdiges Vorrecht der armen Länder, wo der Konsumkredit eine Seltenheit darstellt. Beunruhigt ist man nur in Randbereichen: die humanitäre Hilfe aus dem Norden beginnt unter der Krise zu leiden. Das kommt im afrikanischen Netz zum Ausdruck. Private und institutionelle Geber geben weniger oder gar nichts mehr. Zahlreiche Organisationen und allen voran Robert Glasser, der Generalsekretär von CARE International, machen sich Sorgen über diese Auswirkung der Krise.

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Im Mittleren Orient mit seinen bisher von der Krise verschont gebliebenen Öl-Kleinstaaten, wird man aufgefordert, den Amerikanern die nötige Achtung zu zollen und die letzten Zuckungen der Administration Bush zu verdammen. Gulfnews lässt ihren Leitartikler die Geduld der Amerikaner loben und betont die Risse im amerikanischen Traum. Die Zeitung tritt für die freie Marktwirtschaft ein, aber die Bilder der Obdachlosen und der Opfer des Zyklons Katrina dominieren dennoch die Milliarden-Dollarshow der New Yorker Golden boys.

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Wir schliessen unseren Rundgang durch die Welt mit Lateinamerika. Argentien litt unlängst sehr unter einer großen wirtschaftlichen Misere, die zum Teil in Nordamerika ihren Ursprung hatte. Heute geht es Argentinien sehr viel besser und Revanchegefühle sind an der Tagesordnung. Eine der Haupttageszeitungen des Landes, Pagina 12, weist auf den Rückgang der Hilfe für notleidende unterentwickelte Regionen hin und mokiert sich über den Rettungsplan: "ein Sozialismus zugunsten der Reichen und Liberalismus für die anderen". In Mexiko ist man zu nah dran, um sich sicher zu fühlen, La Jordana berichtet, dass die Regierung alles tue, um die bösen Wellen davon abzuhalten über die Grenzen zu schwappen. Am Ende ist die größte Niederlage Amerikas vielleicht die Lektion die ihr der Erzfeind Kuba mit seiner Wirtschaft erteilt. Hier der Kommentar von Granma, dem offiziellen Organ des Castro-Regimes: "Wie Brasiliens Präsident Lula sagt, ist diese Krise nichts als der Ausdruck des moralischen Versagens eines ganzen Systems. Die Amerikaner können uns nicht mehr an ihr Ideal kapitalistischer Glückseeligkeit glauben machen.