Zwei Themen machen unfehlbar zu Beginn des Monats November Schlagzeilen, wenn auch weniger vielleicht als früher. Genauer gesagt in den christlichen Ländern, wobei die Globalisierung vor der Verbreitung der kulturellen abendländischen Absonderlichkeiten nicht haltmacht (s. Philippe Aries, katholischer Historiker, Der Mensch angesichts des Todes, 1977). Wir von der Presse nennen die regelmässig wiederkehrenden Reportagen und Bilder "Kastanien" (weil diese Bäume jedes Jahr blühen, auch wenn in Europa die Krankheit sie seit einigen Jahren zu hunderten dahinrafft).

Also, am 1. November das Fest der Verstorbenen in seinen transatlatischen Formen, Halloween auf der einen, Allerheiligen auf der anderen Seite. Allerheiligen vorallem im (frömmeren?) Osten Europas, in der Slowakei, in Österreich oder Kroatien, oft mit Bildern, die sich wiederholen, sei es, dass sie das Leben, oder auch den Tod abbilden: eine Silhouette (im allgemeinen eine weibliche), die sich über Blumen beugt oder vor der Ewigkeit verneigt. "Allerheiligen in der Kälte" bemerkt eine Wiener Zeitung...

Dabei erzählen die Friedhöfe ("Ort der Ruhe" der griechische, später lateinische, Ursprung des französischen Wortes "cimetière", zu deutsch Friedhof) mehr vom Leben, als vom Tod. In manchen Gegenden des Erdballs, kommt die ganze Familie zum Piknik, wie zum Beispiel in Teheran, oder man geniesst, wie auf Madagaskar den Anblick sinnlicher (oder gar erotischer) Standbilder. So sind auch die Chrisanthemen, diese Blumen mit ihren leuchtenden Farben,
weltweit Symbol des Gedenkens, in China hochgeschätzte Opferfabe der Verliebten.

Dagegen will Halloween viel fröhlicher sein. Lachen, Grimassen, Schminke und Verkleidung, und natürlich die hohlen Kürbisse und dass nicht nur in den Vereinigten Staaten (wo man Ihnen beibringt, was ein richtiger "Halloweener" ist :"Lernen Sie die besten Tricks für das grösste Vergnügen" titelt eine Tageszeitung in Florida), sondern auch in Kolumbien, in der Schweiz und ... in Thailand!

Doch in Bangkok hat die fröhliche Bande von Skeletten und anderen Geistern das Fest zu anderen Zwecken umfunktioniert : Sie protestiert gegen die Schliessung ihres Wäscheunternehmens das nach China verlegt werden soll (man delokalisiert also nicht nur in Europa...), und der Premierminister soll schlichten. Falls das klappt, wäre mit dem Fest einmal ein positiver Aspekt der Globalisierung verbunden...

Bei den Schweizern und den Kolumbianer stehen die Kinder und die Tiere im Vordergrund! Die Helveten machen sich über den frenetischen Trubel lustig, der zur Besessenheit wird, sodass selbst Tiere ihm nicht entkommen: Bambi verkleidet als Superman. Den Lateinamerikanern tun die Kleinen leid, die mit soviel Ernst das Lachen suchen (oder stecken die Eltern dahinter?)

In meinem ersten Jahr in der Pariser Journalistenschule (CFJ) hat man uns, kaum waren wir da, eine Stilübung auferlegt: Allerheiligen. Ich habe den Text, den ich damals schrieb, wiedergefunden und - "Kastanien" verpflichten - kann leider nicht umhin, ihn Ihnen vorzulegen. Hier der Anfang: "Der Weg zum Familiengrab schlängelt sich zwischen den Gräbern des Pariser Friedhofs Montparnasse hindurch. Auf halbem Weg zwischen den schwerlastigen Aubauten zieht ein so einfaches Grabmal, dass es entblössend wirkt, den Blick magnetisch an. Auf einem rechtwinkligen, in Jahrzehnten verwitterten Sandstein steht graviert "Louise". Nur dieser Vorname, in Grossbuchstaben, kein Datum, kein Ort, kein religiöses Zeichen, weder Ornament noch Blume. Eine vorstellungsträchtige Leere. Wer war diese Louise? Oder, eher noch, wer war die Person, er oder sie, die das Grab bestellte und den Epitaph bestimmte? Gefangen im Schmerz? Die geliebte Louise, die einzige Liebe? Louise nur für mich und für immer, kein einziger Hinweis, der andere zu ihr führen könnte, und mit meinem Tod wird alles zu Ende sein...

Oder aber, welche Schuld hat Louise auf sich geladen, welches Geheimnis umgab sie, dass man sie ohne ihren Familiennamen dem Vergessen anheim gab?"


Philippe Aries (1914-1984) wuchs im katholisch-royalistischen Milieu auf, gehörte als Schüler und Student der nationalistischen "Action francaise" an, tendierte allerdings gegen den autoritären zu einem anarchistischen Nationalismus, fiel im Staatsexamen (Aggregation) für Geschichtslehrer durch und wurde 1943 Dokumentalist im staatlichen Institut für Kolonialforschung. Dort auch Vorreiter technischer Neuerungen (Mikrofilm, Elektronische Datenverarbeitung). Zahlreiche Publikationen zur Sozialgeschichte, ab 1977 Lehre in der EHESS, der Hochschule für Sozialwissenschaften.

1973, vor dem Hintergrund seiner Studien zur Kindheit im Ancien Regime (1960), in einem Radiogespräch mit der Psychoanalytikerin Francoise Dolto:

"...ich bin ein Historiker, der sich für Psychologie interessiert, für das Verhalten der Menschen angesichts von Leben und Tod, Kindheit, Familie, Eltern usw.

Ich muss aber gestehen, dass ich, bis vor noch gar nicht langer Zeit, die Psychoanalyse immer aus der Distanz, um nicht zu sagen mit Misstrauen betrachtet habe. Ich könnte das mit banalen Gründen erklären, zum Beispiel damit, dass wir uns einer rapiden und schlechten Popularisierung des psychoanalytischen Vokabulars ausgesetzt sehen, über die man sich oft nur ärgern kann.

Aber es muss noch einen anderen, tieferen Grund geben. Als Historiker frage ich mich, in wie weit wir, um die Vergangenheit besser zu erklären, Kategorien in sie hineinprojizieren können, und seien es die wissenschaftlichen, von Freud und seinen Nachfolgern definierten, die aus der Beobachtung der westlichen Gesellschaft um die Jahrhundertwende herum entstanden sind.

Ich will, um meine Zweifel zu verdeutlichen, eine konkrete historische Frage formulieren. Die vorindustriellen Gesellschaften, sagen wir bis zur Mitte des 18ten Jahrhunderts, sind "harte" Gesellschaften, wo man mitineinander absolut nicht zimperlich umging und alles andere als dünnhäutig war. Das soziale Klima war sehr hart, man litt darunter und starb früh.

Man kann ohne Gefahr von Ideologisierung sagen, dass es eine reale Ungleichheit vor dem Tod gab. Ein Gesellschaftstyp also, nachdem wir uns auf keinen Fall zurücksehnen sollten. Mehr noch: das Kind, das Sie und mich interessiert, dieses Kind, wurde von der Gesellschaft am wenigsten von allen geliebt, es starb noch leichter und schneller als die Erwachsenen..."