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Ein paar Menschen und hinter ihnen ganz Kanada verharren dieser Tage in einem Wartezustand an der Grenze zum Unerträglichen : ein Säugling muss sterben, damit ein anderer leben kann. Jedoch: "noch ist der Zeitpunkt für Kaylee nicht gekommen...!", um mit einem der Väter zu sprechen. Die gesamte englischsprachige Presse nimmt das Thema auf, von den seriösesten Tageszeitungen wie der National Post bis hin zu den Skandalblättern wie der Toronto Sun. Wie man die Dinge auch dreht und wendet, es geht bei der Angelegenheit ebenso um Emotionalitäten wie um medizinische Forschung, Ethik oder Rechtsprechung. Zwei Familien treffen zufällig in ihrem Unglück im Kinderspital von Toronto aufeinander. Zwei Mütter, zwei Väter, zwei winzig kleine Mädchen, kaum ein paar Wochen alt, Kaylee Wallace und Lillian O’Connor, erstere in kürzester Frist todgeweiht wegen eine Missbildung des Gehirns. Die zweite, mit einer Herzinsuffizienz geboren, braucht so schnell wie möglich eine Transplantation. Allen Rechtswegen zuwider - Organspenden sind anonym und werden ausgelost (wenn auch bei der Auslosung etwas "nachgeholfen" wird) - haben die Eltern von Kaylee sofort vorgeschlagen, den Ärzten zu erlauben, die künstliche Beatmung ihres Säuglings einzustellen und das Herz Lillian zu übertragen. Dies vor Journalisten und laufenden Kameras: Jason Wallace, Crystal Vitelli, Kevin O’Connor und Melanie Bernard haben sich life mit ihren Ängsten und Zweifeln geäußert, während die Ärzte, von derartiger Öffentlichkeit überwältigt, schwiegen.

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Am Dienstag, den 7. April kommen also die Eltern von Kaylee in den Operationssaal, wo die Beatmung eingestellt und Minuten später die Transplantation stattfinden würde. Hier hätte das Feuilleton enden sollen, mit einem hoffnungsvollen Schluss für Lillian. Wir hätten uns im Bewusstsein unseres Voyeurismus schamhaft abgewandt. Das Gegenteil, geschieht, die Dramatik kommt wieder auf und die Akteure sind daran aktiv beteiligt: entgegen allen Voraussagen ist die Kleine nicht tot, und ihr Herz schlägt, trotz Koma, ganz regelmäßig. Herr Wallace erklärt den Medien sie sich auf Dauer vor der Klinik einrichten: "Kaylees Stunde ist noch nicht gekommen!" Was tatsächlich geschieht, ist ziemlich unglaublich: je länger der Säugling sich ans Leben klammert, desto mehr verändert sich sein Herz und wird für die Transplantation immer ungeeigneter. Die Ärzte haben ihr Schweigen gebrochen: "Wir sind sehr traurig, das wir keinen Ausweg aus der Lage finden konnten und dies für beide Familien. Unsere Sorge gilt jetzt den Eltern, ihren physischen und affektiven Leiden." Vielleicht haben diese vier Frauen und Männer ja versucht, ihr Leid zu lindern indem sie ihre Qualen der ganzen Welt offenbaren. Aber unversehens schnappte die Falle der Mediatisierung hinter ihnen zu.

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Der Ausgang der traurigen Geschichte ist zur Stunde nicht bekannt. Ähnlich wie vor zwei Jahren, als ein niederländischer Fernsehkanal eine Reality-Show ausstrahlte, in der eine kranke Frau vor laufender Kamera die Zuschauer um eine Niere bat. Das führte zu einer scharfen Polemik während und nach der Sendung. Nur handelte es sich in Wirklichkeit um eine gespielte Werbesendung für Organspenden...