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Mindestens vier russische Tageszeitungen feierten in dieser Woche die Vergangenheit, die Macht, die Nation: nostalgische, epische Berichte, retouchierte und hagiographische Fotos, Ausrufungszeichen. (Die Pravda ist nicht gestorben und es gibt auch noch eine Zeitung die sich Sowjetrussland nennt...) Die Feier des 90ten Geburtstages der russischen Armee, eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen, ist ein starkes Symbol. Besonders bemerkenswert, dass der Geburtstag alljährlich ein Feiertag ist und an die Geburt der Roten Armee, ein paar Monate nach der Oktoberrevolution, erinnert. Tatsächlich datieren die ersten Massenaushebungen in Moskau und Petrograd vom 23. Februar 1918. Es galt das neue Regime der Bolschewiki gegen Konterrevolutionäre zu verteidigen, die sich in der sogenannten Weißen Armee formiert hatten. Die Reaktion war also, dass die Freiwilligen zu einer Roten Armee aus Arbeitern und Bauern stießen, die von einem gewissen Leon Trotzki angeführt wurde.

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1922 trug die Rote Armee den Sieg über ihre inneren und äußeren Gegner davon, um dann 70 Jahre lang die Sowjetunion in ihren Höhen und Tiefen zu begleiten: sie beteiligte sich an der Repression der letzten Widersacher des Kommunismus, auch auf der Linken, wie im Fall der unglücklichen Matrosen von Kronstadt; sie war eifriger Helfer und zugleich Opfer der stalinistischen Säuberungen zwischen den Kriegen; sie besiegte im Winter 1942 die Invasionstruppen des Dritten Reichs, und führte die Gegenoffensive von Stalingrad bis Berlin zum Erfolg. Sie stellte als die Speerspitze des Warschauer Pakts das Bedrohungspotential im Kalten Krieg dar, hatte in Korea und Vietnam ihre Wirkung und besetzte ein Jahrzehnt lang Afghanistan, bis die Perestroika zum Rückzug blies.

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Mit dem Ende der Sowjetunion wurde sie von der roten zur russischen Armee und zerfiel: die Gerätschaften rosteten, die Besoldung war miserabel, und auf den Friedhöfen des Landes reihten sich die Gräber der Toten aus dem Tschetschenienkrieg. Mit dem Aufstieg Wladimir Putins wurden ihr wieder Glanz und Macht zuteil: bei ihr und bei dem Reichtum des Riesen Gazprom liegt der Schlüssel zum Verständnis der Popularität des Präsidenten. Dass sie heutzutage einem Mineralwasser als Reklame dient oder Avantgarde-Künstler inspiriert, ändert nichts daran, dass sich der Stolz der Russen auf sie stützt. An diesem Jahrestag gingen der alte und der zukünftige Präsitent gemeinsam zum Grab des unbekannten Soldaten und legten Blumen nieder. Eine Garantie für Kontinuität.