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Die Polemik ist ein Dauerbrenner: wo hört die Kunst auf und das Obzöne beginnt? Der neueste Schauplatz ist Australien, und die Zielscheibe ist diesmal der Fotograf Bill Henson, der in seiner Heimat, aber auch weit darüber hinaus, als der größte lebende Künstler Ozeaniens gilt. In der letzten Woche gab es aufsehenerregende Szenen und die Polizei hat ein Drittel der Ausstellungsobjekte in der sehr bekannten Galerie Roslyn Oxley in Sidney beschlagnahmt, verpackt und abtransportiert. Dem Künstler und der Galeristin wurde mitgeteilt, dass gegen sie Anklage erhoben wird, weil das Gesetz die Veröffentlichung von Texten und Bildern verbietet, die das Anstandsgefühl verletzen. Die Affaire machte in allen Tageszeitungen Sidneys Schlagzeilen: kein Wunder bei der Bekanntheit Bill Hensons, der im übrigen seit fast zwanzig Jahren die beanstandeten Werke überall in der Welt ausstellt, auch in so prestigeträchtigen Zusammenhängen wie auf der Biennale in Venedig 1995. Aber 1995 war eben das Thema Pädophilie noch nicht in alle möglichen Richtungen ausgefranzt und die politische Korrektheit sparte die schöpferischen Arbeit noch aus.

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Und eben darum geht es: Henson wird beschuldigt, in einer Reihe von Fotos Pädophilie zu verherrlichen. Es handelt sich um Porträtaufnahmen von pubertierenden Jugendlichen beiderlei Geschlechts, Silhouetten und Gesichter im Spiel von Licht und Schatten, wie stets bei diesem Maler-Fotografen, so wie eben die gegenwärtige Welt auf ihn wirkt: Echo der Obzönität unserer Zeit. Die Anklage kommt von einer Rechtsänwältin, Hetty Johnson, sie sich sehr im Kampf gegen Sexualverbrechen an Kindern engagiert. Sie verlangt, dass auch die Eltern, die Henson erlaubt haben, ihre Kinder als Modelle zu nehmen und die Bilder auszustellen, zur Rechenschaft gezogen werden. " Wie können die Eltern erlauben, dass ihre 12-13 jährigen Kinder nackt fotografiert und ihre Bilder überall hingeschickt und per Internet verbreitet werden. Was hier passiert ist eine unmittelbare Folge des Versagens der Künstlergemeinschaft, die seit Jahren keine klare Abgrenzung von Kunst und Oszönität fertig bringt."

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Zahlreiche Politiker des Landes stimmten der Rechtsanwältin zu, sogar Premierminister Kevin Rudd von der Arbeiterpartei , der sagte, dass er entsetzt sei. Die gesamte Kunstwelt stützte dagegen Henson und verurteilt, was an "einem schwarzen Tag für die Kultur Australiens" passierte. Auch mehrere der, inzwischen erwachsenen, ehemaligen Modelle äußerten sich entsprechend. Der Künstler zeigt sich niedergeschlagen, verharrt in einer Art Depression, auch wenn er seine Zustimmung gegeben hat, die umstrittenen Bilder in der Galerie abzuhängen.

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Trotz allem hat er dem Sidney Morning Herald, der die Zensoren und den "Triumph der Philister" anprangert, die Absicht seiner Arbeiten erklärt: " ich arbeite mit pubertierenden Kindern, weil sie noch Kinder sind und gleichzeitig schon in die Erwachsenenwelt eintreten. Das schafft eine Welt, die ins Schwimmen geraten ist, die Abwarten und Unsicherheit suggeriert... Man kann einen Verlust der Unschuld, der zum Fortschreiten, zur Bewegung zwingt, unmöglich auf einen einfachen Begriff bringen." Eine Vorstellung, die für einen der berühmtesten Maler des XXsten Jahrhunderts, Balthus, in seiner ganzen Laufbahn im Zentrum stand. Gerade wurde sein hundertster Geburtstag gefeiert und - wer weiß? - vielleicht wird das Ausstellen seiner Bilder schon bald verboten.