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Sehr reich und sehr arm, aber alle vom Schicksal geschlagen: in dieser Woche teilten ihrer drei die Titelseiten in Russland, in Österreich und in den Vereinigten Staaten... Einmal ist da eine reiche Erbin, die die fünfzigjährigen Zeitungsmacher diesseits und jenseits des Atlantik, von der New York Times bis zum Daily Telegraph, auf Trab brachte. Diese Journalisten hatten zu Beginn ihrer Karrieren bestimmt die mysteriöse von Bülow - Geschichte miterlebt, ein Feuilleton, das eine Neuerung in die Medienlandschaft brachte. Martha "Sunny" von Bülow war eine der reichsten Erbinnen Nordamerikas. Zunächst mit einem verarmten österreichischen Prinzen liiert, hatte sie in zweiter Ehe einen Dänischen Makler geehelicht, der bei seiner Geburt weder das aristokratisch-deutsche von, noch den berühmten Familiennamen "Bülow" besaß, aber beide schick fand und sich aneignete. An einem Dezembertag 1981 (in Frankreich war Francois Mitterand gerade an die Macht gekommen und in den Vereinigten Staaten Ronald Reagan) fand man die schöne und reiche Lady mit ihren 49 Jahren bei sich zuhause im tiefen Koma liegend, aus dem sie nicht mehr erwachen sollte. Ihr Mann wurde angeklagt, verurteilt, doch dann freigelassen. Es war das erste Mal, dass ein Prozess im Fernsehen erschien, die Medien entdeckten den Profit, der aus derartigen Dramen in Direkt-Übertragung zu ziehen war. Ebenfalls zum ersten Mal beauftragte ein Verdächtiger Sachverständige für Kommunikation, parallel zu seinen Rechtsanwälten, mit seiner Verteidigung. Es entstand auch ein Film von Barbet Schroeder, "Reversal of Fortune". Darin geradezu umwerfend: Glenn Glose und Jeremy Irons . Es gab einen Oscar für die Rolle des eiskalten Goldjungen.

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Dann verschwand die ganze Affäre in der Versenkung. Das Manna der Gerichtsverfahren floß jedoch weiter, OJ Simpson war die neue Ikone. Zufälligkeiten des Schicksals: der erste Mann starb nach 10 Jahren im Koma, der zweite kämpft gegen den Krebs. Nun ist das Dornröschen dahingegangen. Seit 30 Jahren lag sie im Zimmer einer New Yorker Klinik der Hautevolée. Jeden Tag gab es neue Blumen und auf der Kommode standen die Fotos der drei Kinder, der unberirrt sich streitenden Erben. Genau 27 Jahre, 11 Monate, 15 Tage bewegungslos und nicht bei Bewußtsein, einzig im unaufhaltsamen Altern des Gesicht spiegelte sich die Zeit...

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Gleichfalls in einer Klinik, diesmal in Moskau, kämpft verzweifelt ein anderer lebendig eingemauerter. Dies Gespenst figuriert auf der Titelseite der mutigen Tageszeitung Wremja (Die Zeit) unter der Überschrift: "Das teure Mitleid". Vassili Aleksanian war der rechte Arm von Michail Chodorkowski, dem in seinem Unglück allerberühmtesten der russischen Oligarchen, Gefangener in Sibirien, obwohl zweifellos der eher weniger Unehrliche unter seines Gleichen. Der Vizepräsident des Ölkonzerns Jukos begleitete seinen Chef im Abstieg und wurde nach ihm zu drei Jahren wegen Betrugs und Steuerhinterziehung verurteilt. Vassili Aleksanian ist brillianter Harvardabsolvent, war immens reich und kämpft seit seiner Verurteilung ums Überleben: Leberkrebs und Aids, es geht mit ihm zu Ende.

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Seine Rechtsanwältin hatte zunächst seine Verlegung aus der Gefängniszelle ins Krankenhaus erreicht. Jetzt wurde er gegen eine Kaution von 50 Millionen Rubel, etwa 1,4 Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt. Nur ist das für ihn ohne jede Bedeutung, weil er sein Schmerzenslager ohnehin nicht verlassen kann und auch nicht in der Lage ist, die fragliche Summe aufzubringen. Einzig sichtbare Konsequenz: die Wachen vor seinem Zimmer werden abgezogen. Und das genau in dem Moment, in dem sich das Gesetz in Sachen Wirtschaftsvergehen ändert: in Zukunft werden die Täter im weißen Kragen nur noch in Ausnahmefällen mit Gefängnis bestraft.

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Vielleicht wollte Die Presse ihre österreichischen Leser beruhigen: die ausgezeichnete Tageszeitung fand jemand unglücklicheres als die neuen, von der Krise geschlagenen Arbeitslosen: Sie traf auf "Donna Taisja", eine Ärmste unter den Armen, eine 78 Jahre alte Moldavierin, Dauerkundin der Suppenküche in einem doch eigentlich quasi europäischen Land, in dem der Lebensstandard einer der niedrigsten der Welt ist. Die Reportage könnte aus einem Roman von Dickens oder Zola stammen. Die alte Dame lehnt weinend die Hilfe der Sozialstation ab: "lasst mich in Ruhe, ich will sterben!". Ein Waisenkind, das gerade mal ein Dach über dem Kopf hat, sollte ihr ein wenig Nahrung bringen... Auf die Idee, Schiffbrüchige der beiden Altersstufen zu einander zu bringen, war die Sozialstation gekommen: die Alten kriegen Brot und Gesellschaft, die Jungen Arbeit und soziale Anerkennung.

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Moldavien erholt sich nicht vom Zerfall der Sowjetherrschaft: viele arbeitsfähige Menschen sind ausgewandert und lassen in der von der Geschichte gezeichneten Region eine soziale Misere zurück. Die Hauptstadt Kischinau, früher Kichinow war zu Anfang des XXten Jahrhunderts Schauplatz mehrerer antisemitischer Pogrome. Einmal griffen die Moldavier auch die Prostituierten an. Alexander Kuprin, liberaler aristokratischer russischer Schriftsteller erzählt davon in einem berühmten Roman: "Der Graben" (1909). Die in Russland häufig wiederkehrende Verbindung von Frauenhaß und Judenhaß wurde von der amerikanischen Historikerin Laura Engelstein herausgearbeitet.