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Anscheinend häufen sich um die Mitte Januar die großen Depressionen auf der nördlichen Halbkugel: der Winter dauert an, die Sonne macht sich rar und die Bewohner dieser Erdhälfte hören auf, sich um unseren Planeten Sorgen zu machen und hoffen auf die Klimaerwärmung. Bestimmt hat das Syndrom auch Ferran Adrià erwischt: hat doch der katalonische Gastwirt und der Welt berühmtester Küchenchef soeben verkündet, dass er für zwei Jahre, 2012 und 2013, seine Kochtöpfe an den Nagel hängt. Für 2010 ist er bereits ausgebucht! Vier Jahre in Folge hat der Meister von El Bulli in Katalonien den Preis des weltbesten Restaurants vom renommierten Restaurant Magazine davongetragen. Eine hinreichend wichtige Nachricht für die Schlagzeile der Financial Times.

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Mindestens 200 Euro kosten den Feinschmecker die El Bulli Delikatessen bei Fernan Adrià. Aber es gibt auch geteilte Meinungen zu diesen Schöpfungen, die den Regeln der Chemie und der Kunst entsprechen und kaum den großmütterlichen Familienrezepten: Schäume seltener Gemüse und Zutatenkombinationen vom Meerigel bis zum Lammhirn... Der Koch und Alchimist hat also der Welt mitgeteilt, dass er müde sei, dass er sich zu langweilen beginne und sich zurückziehe um neugestärkt wiederzukommen mit umso überraschenderen, revolutionären Molekülmischungen. Den Fans läuft schon das Wasser im Mund zusammen, die Gegner lachen hönisch. Derweil mögen die 99,99% der Menschheit, die niemals diese leiblichen Vergnügen genießen, über die Regel 21 der Charta von Fernan Adrià meditieren: Enttextualisierung, Ironie, Spektakel und Darbietungskunst sind durchaus berechtigt, sofern sie nicht oberflächlich, sondern dem gastronomischen Denkprozess gemäß und eng mit ihm verbunden. Also, wie man ja weiß: wer meditiert diniert...

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SSSegel auf! hätte der köstliche Erast Fandorin gesagt, mit dem ihm eigenen leichten Stottern und seinem Härchen auf der Zunge. Ich habe verschiedentlich schon von Erast Fandorin, dem Helden meiner Krimilektüren, gesprochen. Dieser Diener des Staates und zeitweilige Detektiv, elegant, intelligent und Japanisch sprechend, machte zu Anfang des 20sten Jahrhunderts die Welt zwischen Moskau, St. Petersburg, Tokyo und London unsicher. Sein genialer Schöpfer, Boris Akunin (sprich B.Akunin, d.i. Grigori Schalwowitsch Tschcharischwili) hat ihn in letzter Zeit etwas links liegen lassen und dafür seinen Nachkommen (übrigens keineswegs weniger erfreuliche Erscheinungen) Aufmerksamkeit geschenkt. Aber jetzt kommt er auf Erast zurück, teilt uns die Ruskaja Mysl (Russische Geisteswelt) mit: auf der Titelseite, die Nachricht ist es wert. "Des Theaters ganze Welt" heißt der neue Krimi. Quälend lang wird uns die Zeit erscheinen bis die französische Übersetzung da sein wird...

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B. Akunin hatte zunächst beschlossen, Erast (man könnte sagen, sein Double) in ein zentralasiatisches Khanat zu schicken, nämlich nach Buchara... Aber der Schriftsteller wartet bis heute auf die Zulassung zu den uzbekischen Archiven. Also hat er kurzerhand die Feder umgestellt und unser Mann stürzt sich, bis über beide Ohren verliebt in die Theaterwelt des Zarenreiches von 1911, auf dem Höhepunkt des silbernen Zeitalters der russischen Literatur. Zur Zeit ist weiter nichts bekannt. Die Fans hocken in den Startlöchern. Fernan mag sich ruhig zurückziehen, wenn Erast demnächst wiederkommt!

S.a. unser Interview mit Boris Akunin 2008