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Die Kamera schmiegt sich an die Körper. Die Frau liegt da, das Gesicht dem Mann zugewandt, halb vom Bettzeug verdeckt. Sie weint und klagt. Das Gesicht des Mannes ist ausdruckslos, er schaut mehr oder weniger gelangweilt drein. Dann richtet er sich auf, leicht gekrümmt, als klebe er fest. Er steht auf und geht. Die Frau zittert vor Enttäuschung. So beginnt Der schöne Antonio, ein Film von Mauro Bolognini 1960 nach einem Szenario von Pier Paolo Pasolini, adaptation eines Romans von Vitalo Brancati (1949). Ausdruck männlicher Impotenz im machistischen, noch immer vom Faschismus geprägten Sizilien. Eine in der Literatur wiederkehrende Thematik, besonders bei den russischen Autoren am Ende des 19ten Jahrhunderts, zum Beispiel in Leon Tolstois Kreuzersonate, aber auch in den amourösen Dreiecksbeziehungen, die sich der Revolutionär und Philosoph Nikolai Tschernitschewski vorstellte: eine Frau - zwei Männer, der eine fürs Bett, der andere fürs Geistige...

Vorstellungen, die heute, nach zehn Jahren Viagra ausgestorben sind. Die Glückspille räumt auf mit erektiler Dysfunktion, das ist die einzige politisch korrekte Vorstellung.

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Der Geburtstag wurde von der Presse weltweit, und nicht nur im Abendland gebührend gewürdigt, je nachdem wo man hinschaut, enthusiastisch oder enttäuscht... Die Schlagzeile und nicht weniger als vier Artikel im sehr serösen österreichischen Kurier. Unter der wortspielerischen Überschrift "Viagra: eine steile Karriere", bringt er eher begeistert die wunderbare Wirkung des blauen Rhombus zur Geltung. Tatsächlich steil, wenn man den Zahlen glaubt, die der Parisien angibt: 35 Millionen Männer in der ganzen Welt hätten die Pille in ihrem ersten Jahrzehnt, genommen, aus durchaus sehr unterschiedlichen Gründen und mit gemischtem Erfolg. Der marokanischen Wochenzeitung La vie économique (Das Wirtschaftsleben) zufolge betrifft der in diesem immer noch von sexuellen Tabus geprägten Land schwierig zu messender Erfolg vorallem die verheirateten Paare. Es scheint dass 20% aller Scheidungen weltweit auf Pannen der männlichen Libido zurückzuführen sind... Messergebnisse dieser Art sind stets erstaunlich auf einem Gebiet, wo das was zur Sprache kommt von Notlügem durchsetzt ist. Die Tribune de Genève will auch nicht zurückstehen: im Land des Antidepresseurs Schokolade und der Präzisionsuhren sparen die Ärzte nicht mit Lob, trotz der Molltöne eines Psychiaters: "Viagra kann zu unerwünschtem Verkehr führen und das Paar in Schwierigkeiten bringen." Ja sogar zum Betrug des Partners, wenn man gewissen nordamerikanischen Tageszeitungen glauben möchte, die sich mit Vergnügen auf berühmte Scheidungsfälle stürzen in denen den Herren nach Einnahme des Wundermittels Flügel wuchsen und sie zum großen Missvergnügen ihrer Gattinen zu Schmetterlingen wurden.

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Der Londoner Observer hat beschlossen, sich mit der Kehrseite der Medaille zu beschäftigen: mit gefühllosem Leistungskult in den Vereinigten Staaten, in Brasilien und selbst in China, aber auch mit der gelegentlich exponentiellen Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Viagra, manchmal in Verbindung mit Kokain bedeutet Leistungsstolz, vorallem in der Sicht der Männer und wird für manche (vorallem junge) Männer eine Komfort- oder auch eine Freizeitdroge für Leute, die sie bestimmt nicht nötig haben. Folglich blüht das Geschäft mit Kopien und Nachahmungen: im vergangenen Januar haben die Zollbeamten am Flughafen Roissy 224000 Pillen beschlagnahmt, das sind 56 000 Packungen, Nachahmungen der Marken Viagra und Cialis, die in Ladungen aus Indien mit Bestimmung Brasilien gefunden wurden und einen Marktwert von 2,4 Millionen Euro darstellen.

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In Russland hat ein Geschäftsmann die massenhafte Herstellung von Impaza (eine Wortschöpfung aus imposant und impotent..) aufgenommen. Billiger als das Original - ein unmittelbarer geschäftlicher Erfolg. Es hat den Anschein, dass "das Sexualleben in Russland schwierig ist" sagt Igor Kon, ehemals Philosoph und Soziologe, bevor er zu einem der ersten Sexologen des Landes wurde. "Bei uns ist die Staatsmacht für Geburten und gegen Sex, während die Bevölkerung für Sex ist und gegen Geburten" ´fügt er hinzu. Wie weit haben wir uns entfernt von Zeiten, in denen die Feministin Alexandra Kollontai in "Die Liebe bei den Arbeitsbienen" sich für die "sukzessive Monogamie" aussprach.