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Die Gazeta Wyborcza, die ihre Leser einfachheitshalber nur "Gazeta" nennen, nimmt in dieser Woche eine reizende Spionageaffaire wieder auf und titelt: "Olga, eine weißrussische Mata Hari". Die Geschichte hat den zweifelhaften Reiz derer, die in Zeiten des kalten Krieges im Schwang waren, als Bundestagsabgeordnete und deutsche Kanzler dem Charme von Sekretair/inne/en erlagen, die als Stasi- und KGBagenten geführt wurden. Die (von Aktiven der Solidarnosc gegründete) Zeitung meint allerdings, dass Olga Solomienik höhere Ziele als ihre unmittelbaren Vorgängerinnen im Auge hatte, aber wiederum nicht ganz an ihrer aller Urahnin heranreiche, an Mata Hari, die Holländerin, die im ersten Weltkrieg nächtens als Tänzerin auftrat, tagsüber als deutsche Spionin und manchmal beides zugleich war.

Olga kommt wie gerufen in der Auseinandersetzung die seit Ewigkeiten die polnische Minderheit in Weißrussland mit den Autoritäten des Landes führt und obendrein die beiden polnischen Vereinigungen des Landes, die sich beide ZPB nennen, gegeneinander aufbringt. Alexander Lukatschenko seien die Polen, besonders in der alten Grenzstadt Grodno, die nach dem zweiten Weltkrieg in den Machtbereich der Sowjetunion fiel so sehr ein Dorn im Auge, dass er in die Organisation der Polen Weißrusslands, um sie zu spalten, sogar Maulwürfe eingeschleußt habe. Olga Solomienik sei einer dieser Maulwürfe gewesen.

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Erster Akt: die akkurate junge Frau wird 2000 Mitglied der ZPB, als die Organisation noch einig und in vollem Glanz dastand, übrigens dank ihres Präsidenten Kruczkowski, der heute auch als KGB-Genosse gilt und kein Pole mehr sein darf. Zweiter Akt: die polnische Minderheit in Grodno emanzipiert sich mit einem neuen Präsidenten, Andzelika Boris und es kommt zur Spaltung (man kommt sich vor wie in einem trotzkistischen Film). Sogleich erscheint die schöne Olga in Fortsetzung ihrer subversiven Tätigkeit in der abweichlerischen Vereinigung und trifft dort auf Rober R., einen Informatiker und weißrussischen Allroundspion. Die beiden turteln fortan gemeinsam im Guten und im Bösen, das heißt sie spionieren für die Weißrussen.

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Mata Hari dritter Akt: Robert wird verhaftet. Aber die Angelegenheit wird nicht weiter verfolgt weil die polnischen Dienste ihre guten Beziehungen zu den weißrussischen Kollegen nicht gefährden wollen, die vorallem in Sachen Überwachung des Menschen- und Warenhandels an der gemeinsamen Grenze zum Tragen kommen. Vierter Akt: die Abweichler werden von der weißrussischen Miliz angegriffen, weil die offizielle Organisation den Sitz der anderen für sich beansprucht. Daraufhin gräbt Warschau das Kriegsbeil aus und bringt die Spionageaffaire, die von Robert R. und seiner vermutlichen Kumpanin, der schönen Olga, an die Öffentlichkeit. Können Sie noch folgen?

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Die polnische Mata Hari entgeht ihrer Verhaftung durch Flucht. Die Zeitung habe sie jedoch aufgespürt und befragt. Sie antwortet mit einer eleganten Wendung: "Haben Sie den Film Mala Moskva gesehen? Das ist meine Geschichte... Ihr Geheimdienst hat den wahren Spion nicht gefunden und hat sich auf die Frau gestürzt..."

In dem polnischen Film geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der Frau eines russischen Offiziers und einem Warschauer Piloten, die für die beiden tragisch endet. Wie die von Mata Hari, die im Morgengrauen des 15. Oktober 1917 im Festungsgraben von Vincennes standrechtlich erschossen wurde.

Ich hoffe, Sie haben die Geschichte mitgekriegt und Olga entkommt einem ähnlich schrecklichen Schicksal...