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Etienne Koechlin geht nicht gerade freundlich mit Napoleon um. Dieser hervorragende, dem großen Publikum allerdings wenig bekannte, französische Forscher schmälert den Ruhm des Genies ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: "Wenn Napoleon den Eindruck vermittelte, dass er mehrere Dinge zugleich tun konnte, dann nicht, weil er dessen fähig war. Er besaß einfach nur ein sehr gutes Gedächtnis. Er konnte übergangslos von einer Sache zur anderen wechseln." Auf seine Art ein toller Zauberer, der Korse!

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Denn Etienne Koechlin und sein Kollege Sylvain Charon zeigen in einer brillanten Studie, die in der ausgezeichneten Temps de Genève Schlagzeilen macht, dass das Menschengeschlecht als Individuum entschieden unfähig ist, mehr als zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Eine - vielleicht unbewußterweise - feministische Studie, denn Männer und Frauen sind gleichermaßen unfähig.

Das Ganze ist eine Angelegenheit der Hirnlappen. Anhand von Spinresonanzbildern konnten sie folgendes feststellen: wenn wir mit einer, sei es auch nur einfachen, Tätigkeit, wie "einen Brief lesen", befasst sind, werden unsere beiden Frontallappen in schöner Harmonie gleichzeitig angeregt. Wenn wir einen Brief lesen und dabei gleichzeitig ein Hackfleischbrötchen zubereiten wollen, sind, abgesehen von der Schweinerei, die wir dabei riskieren, unsere beiden Hirnlappen in Hab-acht-Stellung, und jeder verfolgt für sich sein Ziel, lesen auf der einen Seite und Brötchen belegen auf der anderen. Schief geht die Sache, wenn Sie, außer Brötchen zubereiten und Brief lesen, auch noch Radio hören wollen. Dann besteht, wenn sie keinen dritten Hirnlappen besitzen (und apriori besitzt den niemand) die Gefahr eines "Nervenzusammenbruchs". Mit anderen Worten, Sie meinen zu lesen, was sie hören, und Sie sprechen mit ihrem Hackfleischbrötchen.

Es ist deprimierend. Kommt es doch tatsächlich vor, dass wir eine ganze Reihe von Dingen in Rekordzeit erledigen müssen, zumal, wenn wir so einiges auf später verschoben hatten. Auch hier kann ich bestenfalls die Benchley-Technik empfehlen, die der Autor in einer seiner wunderhübschen Chroniken vorgestellt hat: "Wie mit all dem fertig werden, was zu tun ist."

"Viele Leute fragen mich, wie ich so viel zustande bringe und zugleich den Eindruck vermittle, dass ich mich nur vergnüge. Hunderttausende im ganzen Land fragen sich, wie ich Malerei, Erfindungen, Schreiben, Philanthropie voranbringe, während ich meine Zeit mit Müßigang verbringe, Kostüm und Maskenbälle im Stil Ludwig des vierzehnten besuche oder "Alles Gute für Kalifornien" an 3000 Schüler in Los Angeles verbreite.

Das Geheimnis meiner unglaublichen Energie und Fähigkeit, mehreres auf einmal anzupacken, ist sehr einfach. Ich stütze mich auf ausgezeichnete Kenntnis psychologischer Prinzipien, die ich derart verfeinert habe, dass sie beinahe zu raffiniert geworden sind. Der Grundsatz ist der folgende: jeder x-beliebige Mensch kann eine beliebige Menge Arbeit bewältigen, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Arbeit, die er gerade jetzt erledigen sollte.

Sehen wir uns an, wie das in der Praxis funktioniert: Sagen wir, ich habe fünf Dinge bis zum Ende der Woche zu erledigen. 1. Den Stoß nicht beantworteter Briefe wegzuschaffen, von denen manche auf den Oktober 1928 zurückgehen; 2. Bücherborde einzurichten und die Bücher einzuordnen; 3. mir die Haare schneiden zu lassen; 4. einen Stoß wissenschaftlicher Zeitschriften auszuwerten und Ausschnitte zu machen (ich sammle nämlich alle Hinweise auf tropische Fische, die ich finden kann, im Gedanken, mir eines Tages einen solchen zu kaufen; und 5. einen Artikel schreiben.

Also diese fünf Aufgaben habe ich am Montag morgen vor Augen und es ist überhaupt nicht erstaunlich, dass ich mich sofort nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett verkriechen möchte, um Gesundheit und Kraft für die mir bevorstehende, beinahe übermenschliche, Kraftanstrengung zu schöpfen. Mens sana in corpore sano, lautet die Devise!

Im Bett liegend, am Montag morgen, um Kraft und Gesundheit zu tanken, skizziere ich einen Zeitplan. " Was muss ich zuerst tun?". Also gut, diese Briefe, die wirklich zu beantworten wären und den Stoß Zeitschriften den ich auswerten sollte. Hier kommt jetzt meine Geheimstrategie zum tragen. Anstatt diese beiden Aufgaben vorne auf die Liste zu setzten, stelle ich sie hintenan. Ich sage mir: " Du musst zunächst den Artikel für die Zeitung schreiben." Manchmal gehe ich sogar so weit, dass ich mit Bleistift eine Liste mache und "Nr.1 Artikel für die Zeitung" rot unterstreiche. (Das rot Unterstreichen ist nicht ganz einfach, weil fast nie einer roter Stift auf dem Nachttisch liegt, es sei denn, ich habe am Sonntag abend einen mit ins Bett genommen.)

Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch, vor die Schreibmaschine, und spitze fünf Bleistifte an. (Die gespitzten Stifte dienen dazu, Löcher in die Schreibunterlage zu bohren und dazu muss der Stift tatsächlich schön spitz sein.) Danach sag ich zu mir "Los jetzt, Alter, an die Arbeit für diesen Artikel!" Da fällt mein Blick auf den Stoß Zeitschriften, den ich zuvor geschickterweise seitlich auf einen Tisch plaziert habe. Ich schreibe meinen Namen und meine Adresse oben auf das Blatt Papier in der Maschine und lehne mich zurück. Die Zeitschriften liegen da in Reichweite. Ich drehe mich um und schaue, ob mich niemand beobachtet, und hop, nehme ich die oberste Zeitschrift in die Hand. Sieh an, was ist denn das? Ein Artikel von Dr. William Beebe, illustriert mit tollen Fotos! Ich schiebe meinen Sessel weit weg vom Schreibtisch und widme mich unverzüglich dem Auswerten und Ausschneiden. (...)

Noch vor dem Nachmittag bin ich mit der Hälfte des Stoßes durch und habe jetzt einen Haufen schön sauberer Ausschnitte (darunter einen mit einem Schlangenfisch, den Sie sehen sollten. Sie würden vor Lachen sterben). Jetzt mache ich mich wieder an meinen Zeitungsartikel. Ich komme bis zur Überschrift, bin überaus zufrieden mit mir, bis ich plötzlich feststelle, dass ich ein Wort falsch geschrieben habe. Ich muss das Blatt aus der Maschine ziehen (- zu Benchleys Zeiten gab es noch keine Komputer - ) und ein frisches einspannen. Während ich das tue, fällt mein Blick unversehens auf den Korb mit Briefen. Wenn es eine Sache gibt, die ich ungern tue, dannn ist das Briefe schreiben. Aber während der Artikel vor mir auf mich wartet, ergreift mich plötzlich eine Briefschreibwut und ich ziehe störrisch den ersten unbeantworteten Brief aus dem Korb. Auch sage ich mir, Du kommst besser in Fahrt mit dem Artikel, wenn Du erst einmal an ein paar Briefen übst
. (...) Dann tauche ich ab in die Briefumgebung und erledige den ganzen Packen. Ich habe leichte Schuldgefühle, was den Artikel angeht, aber der Haufen frisch mit Marken versehener Umschläge und die Zeitungsausschnitte zu den tropischen Fischen erleichtern mein Gewissen doch erheblich. Morgen werde ich den Artikel bestimmt schreiben.

Am anderen Morgen bin ich wieder dabei, mit einem neuen Blatt in der Maschine, Namen und Adresse sorgfältig getippt, und das schon vor elf Uhr! "Ein menschlicher Dynamo" ist die Bezeichnung, die ich mir gebe. Ich will über Schlangenbeschwörer schreiben und bin schon mehr als zufrieden mit dem Titel: "Diese Schlangenbeschwörer". Aber, wer zum Thema Schlangenbeschwörer schreiben will, muss etwas über deren Geschichte wissen. Und wo sonst findet man etwas darüber, wenn nicht in einem Buch? Vielleicht gibt es ein Buch über Schlangenbeschwörer gar in dem Bücherstoß, der da in der Ecke liegt. Also verlasse ich mit absolut reinem Gewissen für ein paar Minuten den Schreibtisch und gehe die Buchtitel durch. Natürlich ist es nicht leicht, in einem Bücherstoß, der seit Wochen in der Ecke liegt, etwas zu finden, umsomehr gilt das für ein Buch über Schlangenbeschwörer. Man muss die Bücher unbedingt erst einmal in ein Regal stellen, damit man die Titel mit einem Blick sehen kann. Und gibt es da nicht ein Regal, gleich neben dem Bücherstoß! Dass klingt ja beinahe wie ein göttlicher Befehl: "Wenn Sie diesen Artikel zu einem guten Ende bringen wollen, richten Sie jetzt dieses Regal ein und ordnen Sie die Bücher!" Nichts anderes ist so klar und logisch.

Aber zur Einrichtung des Regals verlangen die Gesetze der Physik Nägel, einen Hammer und Hacken. Die gibt es im Haus nicht, also muss ich meinen Hut aufsetzen, ausgehen und einkaufen. Als ich meinen Hut aufsetze, stelle ich zu meinem Leidwesen fest, dass ich einen Haarschnitt brauche. (...) Als ich nach ein paar Stunden wieder da bin, bin ich gerädert, dufte nach Flieder, bringe Nägel, Hacken, die Abendzeitungen, ein paar Biskuits und Erdnussbutter mit.

(...) In Null-Komma-Nix ist das Regal montiert, die Bücher stehen da in Reih und Glied. Es gibt zwar keins über Schlangenbeschwörer, dafür aber ein sehr interessantes mit Stichen von Hogarth, das der näheren Betrachtung wert ist. Sie sehen, in zwei Tagen habe ich schon vier der fünf Dinge, die ich mir vorgenommen, erledigt, einfach nur in dem Glauben, dass ich unbedingt die fünfte Aufgabe zu einem guten Ende bringen müsste. Problematisch ist jetzt nur, dass mir bald etwas anderes zu tun fehlen wird und ich gezwungen sein werde, ab nächsten Montag mich mit meinem Artikel zu beschäftigen." (In eigener Übersetzung der Autorin (und wiederum des Übersetzers), Ihrer Nachsicht empfohlen. )