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Wer sich entrüstet weiß warum. Montag, der 14.Dezember 2009. Silvio Berlusconi kuriert seine Verwundungen, Europa erstarrt in der Kälte, die Moskovskaya Pravda, die Mospravda, wie sie liebevoll genannt wird (wörtlich auch "Moskauer Wahrheit"), widmet einen langen Artikel einem ganz wesentlichen Lebensaspekt der Russen im Ausland: den sexuellen Annehmlichkeiten in den Badeorten des Roten Meeres. Die Mospravda wurde in der Revolution (1918) geboren, in einer Zeit, in der extreme Verschämtheit und Pruderie einhergingen mit proklamierter sexueller Befreiung, bei den Revolutiären, wie bei den Konterrevolutionären. Die Zeitung überstand alle Umwälzungen der Perestroika und gehört heute einem Ensemble von Journalisten und freien Mitarbeitern. Ihre Titelseiten fallen immer aus der Reihe, der Stil manchmal auch. Was ihrer weiten Verbreitung mit 300 000 Exemplaren in der russischen Hauptstadt keinen Abbruch tut.

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Also: Marina Savielieva fährt großes Geschütz auf gegen Volk und Regierung Ägyptens, weil man dort an einem Gesetz strickt, dass den unverheirateten Paaren das süße Strandleben im feinen, weißen Sand verbieten soll: "An den Stränden der strengen Moral untersagen Ägyptens Machthaber außerehelichen Sex". Der Artikel basiert auf der tatsächlichen Nachricht einer russischen Presseagentur über die Forderung einer militanten, streng islamischen Vereinigung, nicht verheirateten Männern und Frauen das Doppelzimmer zu verbieten. Die Reservierung für Personen gleichen Geschlechtes wäre dagegen ohne weiteres möglich...

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Die Journalistin ist überzeugt, dass, wenn es tatsächlich zu so einem Verbot kommt, die Russen den Ägyptern den Vogel zeigen und denken würden, die seien ja verrückt geworden, sich selbst eine Kugel ins Bein zu schießen und ihre größte Einkommensquelle, den Turismus (11,1% des BSP)mit derartigen Einschränkungen zu belegen. Man muss dazusagen, dass die Russen besonders scharf sind auf die warmen Wasser und Felsen des Roten Meeres, die ihre Geldbörsen wesentlich weniger belasten als jedes andere Wasser- und Sonnenparadis... 2008 konnte Ägypten im Glanz seiner mehrtausenjährigen Geschichte 13 Millionen Besucher begrüßen, und die Russen standen mit 1,8 Millionen an erster Stelle.

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Jetzt gehen den aus der Kälte kommenden potentiellen Reisenden unausgesetzt Fragen durch den Kopf: wie wollen die denn feststellen, dass man nicht verheiratet ist? Müssen wir uns nächstens uniformiert kleiden, wenn wir nach Ägypten reisen wollen? Sind die Kurorte wie Hrghada oder Sharm-el-Sheikh nicht eigens für die Touristen entstanden? Moskauer Reiseagenturen lassen wissen, dass sie die Sache nicht sehr ernst nehmen... Die Ägypter wären nicht die ersten mit derartigen Verboten: auf dem Berg Athos, den ein Handvoll alter orthodoxer Mönche verwaltet, sind Frauen oder auch alle Säugetiere, Insekten, Vögel weiblichen Geschlechts nicht zugelassen; in Rom, im Vatikan darf man weder (laut) singen noch essen; in bestimmten Staaten Indiens darf man sich in der Öffentlichkeit nicht küssen oder auch nur vertraulich berühren, usw...

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Und in Russland dürfen Frauen in Hosen die Kirchen nicht betreten (für die, die sich der Regel unterwerfen, hält man übrigens einen Haufen Röcke vor). Das erlauben wir uns, unseren aktuell sich Entrüstenden ins Gedächtnis zu rufen...

Andererseits kann man auch die Verwüstungen, die der westliche Turismus in diesen Ländern des Südens mir ihrer anderen Kultur anrichtet, kaum unterschätzen: Hemmungslosigkeit, Arroganz und Unkenntnis des anderen können durchaus auch als Agression empfunden werden.

Im Juli 2005 verloren an der ägyptischen Riviera 90 Menschen ihr Leben in Selbstmordattentaten.