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Die russsische Tageszeitung Kommersant titelte diese Woche: "kein Knast für ein Interview". Mysteriös genug, dass man sich fragt, was sich dahinter, eventuell auch hinter den Knastgittern verbirgt. Jenseits der Gitter, vielmehr diesseits und jenseits stehen also zwei Männer in einer virtuellen Begegnung durch Briefe, die im Lauf der Zeit jedoch zu einer äußerst intensiven Unterhaltung gerät. Das brachte dem Gefangenen eine Isolationshaft von 12 Tagen ein, eine Maßnahme die - eine ebenso außergewöhnliche wie beruhigende Tatsache - vom lokalen Gericht für illegal befunden wurde. Der Knast liegt sehr weit weg, in Sibirien. Der Briefpartner lebt im Glanz der Hauptstadt und ist ein in der ganzen Welt berühmter Autor. Ersterer heißt Michail Chodorowsky und muss in seiner Abgeschiedenheit lauter Erniedrigungen und zusätzliche Entbehrungen, größere und kleinere ertragen. Ein Oligarch unter Oligarchen, der 2005 von der russischen Justiz wegen staatsgefährdender Tätigkeit zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein Exempel wurde statuiert an einem, der nicht mehr und nicht weniger verbrochen hatte, als andere, die es in Russland mit mehr oder weniger legalen Mitteln zu den größten Vermögen brachten.

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Der andere nennt sich mit dem Pseudonym Boris Akunin, eine durchsichtige Namensgebung, wenn da B. Akunin steht, ein Hinweis auf den berühmtesten der russischen Anarchisten des 19ten Jahrhunderts. Ein doppeldeutiger Namen für diesen emeritierten Japanologen, denn Akunin bedeutet japanisch "Bandit". Boris Akunin ist Autor von Kriminalromanen, die in alle Weltsprachen übersetzt werden, ein Erneuerer im Rahmen postsovietischer Literatur, mehrfach verfilmt von den bekanntesten russischen Regisseuren. Seine beiden Helden, ein stotternde Staatsrat und eine emanzipierte orthodoxe Nonne, begeistern die Leser. Im Alltag trägt er einen georgischen Namen, Grigori Schalwowitsch Tschchartischwili, seine Mutter war Russin. Ein derartiges Pseudonym verpflichtet Grigori geradezu, den exemplarischen russischen Bürger zu geben, daher auch dieser außergewöhnliche Briefwechsel mit dem bekanntesten Gefangenen des Landes.

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All das ist in der Zeitschrift Esquire erschienen, aber man findet die Angaben auch auf der Website eines der internationalen Verteidiger Chodorowskys. Wenigstens Eins bringen die Briefe zum Ausdruck, nämlich dass das Denken in diesem, mit eiserner Faust regierten, Land sehr lebendig ist. Der Ton ändert sich im Lauf der Korrespondenz: Von dem Prozess und der Verurteilung des Geschäftsmanns gelangt man zu intimeren Fragen, die um Familie, den Tod, das Gefangensein kreisen und zu einer Behauptung, die Jean Paul Sartre nicht verleugnet hätte: "Hier ist, was ich denke: ein Mensch trägt, was ihm das wichtigste ist, in seiner Seele. Fünf Jahre Gefangenschaft unter sich unaufhörlich ändernden Bedingungen und vielen Zwängen. Und doch können Sie vieles mitnehmen. Es ist traurig, soviele Bücher und Notizen zurückzulassen. Aber ich habe alles hier in meinem Kopf. Der Rest sind Kleinigkeiten. In diesem Sinn macht das Gefängnis aus Ihnen einen freien Mann."

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Anderswo wunderte man sich schon über die Müdigkeit des Mannes, als er noch der Reichste in seinem Land war. Der Prozess kam, als er bereits vor einer Art Verzicht stand, er, dessen Kindertraum es gewesen war, "Direktor" zu werden, Direktor von irgendwas , aber auf jeden Fall Direktor. Der Briefwechsel verweist auf einen anderen berühmten Gefangenen, den revolutionären russischen Denker Nikolai Tschernischewsky, der Russland zu verlassen sich weigerte, als seine Freunde ihn über seine bevorstehenden Verhaftung informierten. Er schien des Lebens müde, im öffentlichen wie im privaten. Und in der Gefangenschaft schrieb er sein Hauptwerk. Ähnlich wie er, scheint der neue Verbannte mit sich selbst im Reinen zu sein, möchte in eine andere Sphäre wechseln und denkt über die Ereignisse in der Welt nach. Hier ist seine Antwort auf die Fragen von Viedomosti nach der Wahl Obamas zum Präsidenten: "Zweifellos sehe ich mich im liberalen Teil der Gesellschaft und sehe, dass uns eine Linkswende erwartet. Die Antwort auf die Weltkrise wird unvermeidlich eine weltweite Perestroika sein. Wir haben moralisch und professionell allen Grund festzustellen, das die 30 Jahre der Herrschaft liberaler Ideen dem Ende zugehen.