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Die größte Tageszeitung von Hong Kong berichtet auf der Titelseite von einem stillen Tod, einem unbeachteten Sterben, nämlich dem eines zweihundertjährigen Baums im schönsten Park der Stadt, dem Kowloon-Park, ein Baum von jener Art, die als heilig gilt, seit Buddha unter dem Blätterdach seine Erleuchtung hatte. Die South China Morning Post bezeichnet diesen Banyan als eins der lebendigen Erbstücke der Halbinsel. Er blüht am schönsten von den etwa zwanzig Banyans in dem legendären Park. Aber vorallem die Luftwurzeln dieses Feigenbaums ohne Feigen sind spektakulär. Sie winden sich um einen anderen Baum, um eine Mauer oder irgendeinen anderen Halt...

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Ein Fachmann, Jim Chi-yung, klagt die lokalen Behörden an: das Übel habe seinen Grund im Pflaster rund um den Baum, das ihm die Atemluft und das Wasser nimmt. "Das ist eine Art Mord auf Zeit. Niemand hat protestiert, niemand hat ihm auch nur Beachtung geschenkt... in einem anderen Land würde ein solcher Baum als eine Kostbarkeit behandelt werden," sagt Herr Jim. "Leider nein", muss man ihm antworten, "das ist überhaupt nicht sicher". Solche Schandtaten werden überall begangen, ebenso unbeachtet und aus rein kommerziellen oder gänzlich nichtigen Gründen.

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Tausende von Kilometern entfernt von Hong Kong liegt, gleich einem Bild aus einem Kinderbuch, das Dorf Montbarrois im Loiret: eine Kirche, die an eine Glucke denken lässt, umgeben von neun Häusern - neun kleinen Küken. Weiter unten in der Niederung ein Bauernhof. Im Zentrum also ein kleiner Platz (den die Ältesten noch "Platz des Schweigens" nennen), mit einem Kriegerdenkmal (vorallem für die Toten des Krieges von 1870 aus der Schlacht bei Beaune-la-Rolande,oder für die des ersten Weltkriegs, denn von denen des zweiten spricht man hier weniger gern, immer noch weil in Beaune-la-Rolande das Lager war, in dem jüdische Frauen und Kinder vor dem Transport in die Todeslager von Franzosen eingesperrt wurden.) Gegenüber vom Denkmal, auf der anderen Seite des Platzes, dient eine leere Fläche heute als Parkplatz. Vor fünfundzwanzig Jahren prangte dort eine mehr als hundertjährige Kastanie. Eines Morgens rieben sich die Dorfbewohner von acht Häusern verwundert die Augen - da fehlte etwas, man verstand nicht recht, da war eine Leere. Und dann wurde klar: die Kastanie war herausgerissen, mitsamt den Wurzeln, und die riesige Wunde im Erdreich war sofort zuzementiert worden. Im neunten Haus und im Bauernhof floss der Champagner: nie wieder Schatten über dem Gemüsegarten, und freie Durchfahrt auch für den größten Mähdrescher...

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Manch gelegentlicher Dorfbewohner hat sich dann mit einer Birke getröstet. Seinerzeit winzig, fast heimlich in einen dieser Gärten verpflanzt, ist sie heute herrlich groß und hat ihren Ursprung nicht verleugnet: ihre Blätter kommen später als die der anderen Birken am Ort und sie fallen früher. Die Birke kommt nämlich aus Russland, aus einem dieser wunderschönen Wälder in der Umgebung Moskaus, an der Straße zum Flughafen. Sie ist höher als alle anderen Bäume des Dorfs und stärker scheint sie auch zu sein. Und jedenfalls wäre die hundertjährige Kastanie heute krank, wie alle Kastanien in Frankreich und Navarra...