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Wenn man der großen Kairoer Tageszeitung Al Ahram folgen will, sind die Parlamentswahlen am 28. November, ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, konstitutiv für das Ägypten von morgen. Von hier aus gesehen scheinen diese Wahlen jedoch auf ein Parlament hinauszulaufen, das sich kaum vom jetzigen unterscheidet: die Partei von Präsident Mubarak, die Nationaldemokratische, dürfte mit Abstand den Sieg davontragen - "Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass die jetzige Regierungspartei am kommenden Sonntag siegen wird", schreibt die Tageszeitung in einem sehr guten und vollständigen Dossier zum Thema.

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Warum also kündigt sie zugleich an, dass dieses Jahr entscheidend sei und die Wahl am Sonntag "dem Ägypten der kommenden Generation die Form geben wird"? Auch auf Seiten der Moslembrüder, die nach wie vor die hauptsächliche Opposition bilden, nichts eigentlich neues, nachdem die Linke überall in den arabischen Staaten zusammengebrochen ist und der Nasserismus in Vergessenheit geriet. Die säkulare Brüderschaft kann praktisch auf den Erfolg aller ihrer Kandidaten - 130 an der Zahl - setzen, die sich alle als unabhängige präsentieren, weil die Partei nicht zugelassen ist: sie wird einen der 508 freiwerdenden Sitze gewinnen mit ihrem Slogan "Unsere Lösung ist der Islam". Wie schon im bisherigen Parlament.

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Nationalisten des Wafd, Ex-Kommunisten der Tagammu oder auch die Grünen (ökologisches Grün, nicht das des Islam) teilen sich die Krümel. Nicht zu vergessen die Boycottwähler, unter ihnen Mohammed El Baradei, der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, ein vehementer Gegner der Mubaraks, Vater wie Sohn... All dies vor dem Hintergrund großer Spannungen, mörderischer Gewalttaten politischer oder religiöser Prägung.

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Also wo sind die Veränderungen? Die Ägyptischen Zeitungen verweisen auf den Umstand, dass zum ersten Mal 10% Frauen (50 Abgeordnete) in Parlament sitzen werden, dank einer Quotaregellung. Man hat ihnen Wahlkreise reserviert, in denen sich nur Frauen präsentieren. Gewiss, 10% ist nicht viel (die Quota werden bestimmt nicht überschritten), aber es ist immer noch mehr als die 2%, die seit Jahrzehnten als Abgeordnete fungieren. Ägypten erreicht damit das Niveau Marokkos, hinter Syrien, Jordanien, Tunesien und selbst dem Sudan mit 18% Frauen - Frankreich liegt auf gleicher Ebene mit dieser islamistischen Republik

Die Verfassungänderung bringt tatsächlich frischen Wind. Hunderte von Frauen haben sich zur Kandidatur entschieden und Millionen Frauen wählen zum ersten Mal in ihrem Leben, sei es für verbesserte Krankenhausbehandlung, seis für neue Verkehrsregeln, sei es für Veränderung der Lebensweise der Ägypterinnen, also auch der Ägypter. Wie etwa Amina Shafik, die unübersehbar leuchtende Persönlichkeit der ägyptischen Linken, Kämpferin für Frauenrechte, eine außergewöhnliche Journalistin, die ihren Optimismus bezüglich der Wahlen mit leichter Ironie würzt: "Wir müssen uns erst einmal überzeugen, dass es bei der Quotenregellung tatsächlich um die Frauen geht und nicht einfach nur um die Quotenregellung an sich..."