JPEG - 384.9 kB

In dieser Woche marschieren die Bürger/innen Europas. Sie marschieren in der Schweiz, in Deutschland, in Italien, in Österreich und in einer Woche auch in Frankreich... Sie sind unzufrieden, Europas Bürger/innen, vorallem diejenigen, die sich von der Krise bedroht, von ihren Arbeitgebern an der Nase herumgeführt, von ihren Vorgesetzen herabgesetzt fühlen. Sind diese Demonstrationen etwa die Vorläufer einer um sich greifenden Bewegung? Schauen wir sie uns im Einzelnen an.

JPEG - 101.6 kB
JPEG - 298.2 kB

Es begann am Sonntag mit den portugiesischen Lehrern. Mehr als 120 000 füllten die Straßen von Lissabon und protestierten gegen das neue Arbeitsbewertungssystem, das die Erziehungsministerin Maria de Lurdes Rodriguez zwecks Belohnung der Besten eingeführt hat. Die in Schwarz gekleideten, verärgerten Professoren verlangen, dass man sie achtet und wollen in Würde arbeiten können... Sie kündigen ein Aktionsjahr an, um die Ministerin zur Umkehr zu bewegen und die verteidigt sich, in dem sie erklärt, sie sei nach nunmehr zweijährigen Verhandlungen in über hundert Treffen bei diesem, ihrem Zuckerstück-und-Peitsche-Spiel gelandet... "Totaler Bruch!" signalisiert Publico...

JPEG - 73 kB
JPEG - 81.4 kB

Gestern ging es in der Schweiz weiter. Im Kanton Wallis defilierten mehr als 10 000 wallisische Beamte in Lausanne und protestierten gegen die neuen Tarife, die nach ihrer Meinung eine Einkommenseinbuße bedeuten würden. Der Protest, zu dem sich Lehrer/innen, Bibliothekar/e/innen, Laborant/inn/en oder auch Hilfskrankenpfleger/innen zusammengefunden haben, scheint sehr weit verbreitet. Die Beamten haben sich darüber hinaus für einen Streik in den Verwaltungen entschieden. Gemessen am Klischee einer, von Finanzmagnaten bevölkerten, prosperierenden Eidgenossenschaft, die allerdings heute von der Finanzkrise geschüttelt wird, ist wenig bekannt, dass die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hierzulande im 19ten und 20sten Jahrhundert eine der aktivsten war ... 24 Heures, die Lausanner Tageszeitung kann am Horizont keine Windstille erkennen.

JPEG - 64.6 kB
JPEG - 88.3 kB

Derweil kleben in Italien die Passagiere der angeschlagenen Alitalia, ohne Vorankündigung am Boden wegen eines wilden Streiks (und Demonstrationen in den römischen Flughäfen) der Piloten und des Bordpersonals, das eigentlich an diesem Tag arbeiten sollte. Sie verweigern entschieden die Arbeitsverträge, die ihnen die neuen Herren des Lufttransporteurs am Rande des Nervenzusammenbruchs antragen. Wütend verabschiedet Premierminister Sylvio Berlusconi ein Dekret, das die Streikenden zur Arbeit zwingt und erhebt Anklage wegen Störung des öffentlichen Dienstes. Erst zwei Wochen zuvor hatten mehr als eine Million Studenten und Universitätsangehörige die Straßen der Hauptstadt bevölkert... Das "Chaos" titelt der Corriere della Serra...

JPEG - 82.3 kB
JPEG - 84.4 kB

In Deutschland ist die seit einigen Jahren etwas abgeflaute Antiatombewegung das ganze Wochenende über mächtig wieder aufgewacht. Beinahe 16 tausend Demonstranten versuchten, den Eisenbahnkonvoi mit 123 Tonnen deutscher hochradioaktiver Nuklearabfälle aus dem Bauch jener beängstigenden, gleich neben einem der schönsten Meeresstrände Europas gelegenen, französischen Wiederaufbereitungsanlage in La Hague, zu stoppen. Die Bundesregierung hatte fast ebenso viele Polizisten bereitgestellt, wie es Demonstranten gab. Der Zug kam schließlich an, trotz all der "besonnenen jungen Menschen" wie die Tageszeitung schreibt...

JPEG - 74 kB
JPEG - 69.7 kB

Schließlich, aber das ist sicher nur vorläufig das Ende, wurde Österreich von einer nie dagewesenen Welle der Entlassungen im para-öffentlichen Sektor gebeutelt, bei der Telekom, der Post und den Austrian Airlines. Die Telefongesellschaft kündigt eine Stellenkürzung um 2500 (von 11400) an , während die Post einen Abbau von 9000 (von 24 000) Stellen vorsieht, und der heimischen Fluggesellschaft das gleiche Schicksal wie der Allitalia droht, nachdem sie bereits 2000 Entlassungen angekündigt hat. Die Angaben zu den Gründen für diesen Niedergang sind, je nach Quelle, nicht die gleichen. Während gewerkschaftlicherseits die Teilprivatisierung und die Finanzkrise verantwortlich gemacht werden, beschuldigt man auf Seiten der Arbeitgeber den Verwaltungsstaat und fordert eine noch radikalere Kapitalaufstockung. Ein Streik ist in Vorbereitung und der Kurier sieht für die "Rebellischen Unternehmen der öffentlichen Hand" harte Zeiten kommen!" Bis auf weiteres...