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Das Geheimnis eines derartigen Streites kennen wohl nur die Franzosen. Es geht um scheinbar unversöhnliche Gegensätze wie in der literarischen Auseinandersetzung zwischen "Les anciens et les modernes", zwischen den "Alten und den Modernen", so diesmal im Streit um die Lektüre eines Briefs und den Gegnern dieses Eingriffs in das Schulprogramm. Das Schreiben stammt von Guy Môquet, und ist das letzte dieses 17 jährigen Schülers und Kommunisten, der im Oktober 1941 sterben musste, ausgeliefert von der Vichyregierung und von den Deutschen erschossen. Jetzt weiß man alles über dies Ereignis. Ebenfalls fast alles über den Bruch zwischen Lehrenden, die den (verordneten d.Ü.)Rückgriff auf dies Stück Geschichte begrüßen und denen, die dagegen sind. In den Auseinandersetzungen der letzten Zeit kam noch ein anderer Name auf: Jean-Pierre Mulotte, auch ein siebzehnjähriger Schüler, auch er erschossen. Und vergessen.

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Doch auch dieser junge Mann hätte es verdient, dass man sich seiner erinnert. Er war der beste Freund meines Vaters im Lycée Jeanson de Sailly im sehr bürgerlichen 16ten Arondissement von Paris. Gemeinsam hatten sie die Besatzungszeit durchlebt, quasi unzertrennlich, sie führten gemeinsam eine Art Logbuch, der eine schrieb, der andere zeichnete, beide waren vom Surrealismus begeistert. Das Jahr 1944 brachte die Trennung. Sie waren 16 Jahre alt. Mein Vater schlug sich nach Marseille durch, um per Schiff nach Ägypten zu kommen und der Verschleppung zu entgehen. Jean-Pierre schloss sich den Kommunisten an und hielt sich an die damals ausgegebene Parole: "jedem seinen Boche". Auf der Austerlitz-Brücke schoss er auf einen deutschen Offizier und tötete ihn auf der Stelle. Auf der Stelle auch wurde er verhaftet und am nächsten Morgen auf eben dieser Brücke ohne weiteres Verfahren erschossen.

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Von Jean-Pierre ist fast nichts erhalten, an ihn erinnert auch keine Inschrift. Nur zwei kleine Bildchen, ein Porträt meines Vaters und eine Landschaft, eine düstere Straße, eine Stromleitung an ihr entlang und in der Ferne eine kleine Kirche: ein einigermaßen heftiger Konstrast zwischen Althergebrachtem und der Moderne, nachdenklich ahnt man ein werdendes Talent. "Und es fließt des Sängers Blut, sein Lied fliegt über Wiesen und Wälder zu eisigen Höhen, seine Seele zittert im Nebel..." Diese Zeilen könnten für all die Guy Môquets geschrieben sein, für die bekannten und die vergessenen, sie stammen aus der Feder des Spaniers Garcia Lorca, der jenseits der Pyrenäen heuer auf den Titelseiten figuriert. In Spanien bewegt und spaltet die Pflicht der Erinnerung an den Bürgerkrieg die Menschen. Der junge Dichter, Ikone des Spanienkriegs , der von der faschistischen "Falange" 1936 erschossen wurde, bleibt ein Held der Nation. Die Universität Granada hat ein Foto wiedergefunden, das in seiner Studentenzeit entstand, sein Alter damals - 17 Jahre. Wirklich ein glückliches Zusammentreffen, dass dies Portrait gerade jetzt auftaucht, wo Papst Benedikt XVI. sich anschickt, 498 im Bürgerkrieg getötete spanische Priester seelig zu sprechen, die in ihrer Mehrzahl den Franco-Truppen nahestanden...


Johannes Wetzel schrieb in "Die Welt" vom 22.10.2007:
"Für Sarkozy muss Schluss sein mit den historischen "Schuldbekenntnissen" nicht zuletzt zu den Verbrechen von Vichy-Frankreich. Auf Guy Moquet darf er sich dabei nicht berufen: Gerade an seinem Tod tragen Pétains Behörden Mitschuld. Die Folgen des Missbrauchs, den Sarkozy-Anhänger bereits mit dem vermeintlich patriotischen Dokument trieben, sollten Warnung sein: Der Trainer der französischen Rugby-Nationalmannschaft, der bald Staatssekretär für Sport werden soll, ließ den Brief vor dem ersten Match gegen Argentinien verlesen. Den Spielern kamen die Tränen. Frankreich verlor."

In Francos Spanien war das Gedenken an die republikanischen Opfer tabu. Dagegen gedachte die Kirche stets frei ihrer annähernd 7000 von Anhängern der Republik im Bürgerkrieg getöteten Geistlichen, von denen 498 jetzt selig gesprochen sind. Wenn die Kirche ihre Märtyrer derart hervorhebt, unterstreicht sie damit die Rolle, die sie zu Gunsten der Diktatur gespielt hat. Oder?