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Um Ihnen allen die maßlose weltweite Trauer um Michael Jackson ein wenig leid werden zu lassen gehen wir nach Russland, genauer nach Woronjesch, in eine an Gewässern reiche, hübsche Landschaft im Südwesten des Landes. Aus der Njesawisimaja Gaseta erfahren wir, dass seit einigen Tagen merkwürdige Plakate die Stadt schmücken: darauf ist sehr groß das Portrait des Führers aller Zeiten und aller Völker, unseres geliebten Josef Stalins, zu sehen und daneben steht der Spruch: "Wir haben gesiegt". Der Korrespondent einer der letzten unabhängigen Tageszeitungen hat sich vergeblich um Aufklärung bemüht: niemand weiß, wer diesen Reklamefeldzug gestartet hat. Die lokale kommunistische Partei drückt sich um eine Antwort; die Behörden der Stadt wollen nicht in die Affäre hineingezogen werden und fragen: " warum interessieren sie sich mehr für diese Reklame als für andere, in der Stadt überall sichtbare wie zum Beispiel die für die neuen Uniformen der Miliz?" Andere bemerken nur, dass es im ganzen Land ja noch tausende von Stalinabbildern zu sehen gäbe, Statuen die nach wie vor fest auf ihren Sockeln stehen.

Die Moskauer Tageszeitung vermutet, dass die Plakataktion mit dem nahenden 130ten Geburtstag des großen Mannes am 21 Dezember zu tun hat. Der Geburtstag bringt uns zum Todestag: die Trauerfeiern für das Väterchen der Völker waren mindestens so eindrucksvoll wie die für den König der Popmusik und der Kummer ebenso weltweit. Berichte aus Kairo, Tel Aviv oder Paris über schmerzgebeugte Männer und Frauen, als am 5. März 1953 um 6 Uhr morgens die Nachricht eintraf, über Menschen, die im Büro in Tränen ausbrachen oder auch auf der Straße oder im Treppenhaus, sind mir aus meiner Familie in Erinnerung. Fernsehen hatten nur wenige und das Internet schlummerte noch im Nirwana. Dennoch folgten hunderte von Millionen in der ganzen Welt dem Trauerzug von Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin (der stählerne).

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Fürs Kino wurde das Ereignis in einem ergötzlichen israelischen Film des kaum zwanzigjährigen Regisseurs Nadav Levithan, "Stalins Schüler" verewigt. Da sieht man drei alte Genossen, historische Kibbutzim, die den Persönlichkeitskult post mortem auf die Spitze treiben, in dem sie aus sich Klone des Verewigten zu machen versuchen. Zweifelsohne haben wir bald in der ganzen Welt tausende von Michael Jacksons zu gegenwärtigen.

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Der Reporter hat versucht wenn schon nicht den Urheber des wiederaufflammenden Kultes, dann doch wenigstens herauszufinden, wer das Feuer anfacht. Er stieß auf Sergej Rudakow, den ersten Sektretär der lokalen kommunistischen Partei: "die sowjetische Vergangenheit gewinnt im ganzen Land Beachtung. Erst vor kurzem wurden auf dem Roten Platz 2000 Junge Pioniere gefeiert. Wir müssen Vertrauen in unsere Führer zurückgewinnen." Für das Akademiemitglied (in glorreichen sowjetischen Zeiten besonders geschätzter Titel), den Soziologen Wladimir Boykow handelt es sich um eine Konsequenz der weltweiten Krise, die unsere Epoche erschüttert: "die, die sich da immer zahlreicher Lenin und Stalin zuwenden, suchen vor allem die heutzutage verlorene Größe der Sowjetunion und die Zeiten des Wohlstands nach dem Krieg. Nichts hindert uns, ihnen vorzuhalten, wie schrecklich die von ihren Helden geführte Diktatur war."

Drei Jahre nach Stalins Tod veröffentlichte Nikita Kruschtschow seinen Bericht über den Stalinismus und dreißig Jahre später war der Kommunismus am Ende... Was wird in drei Jahren vom Jacksonismus übrig sein? Gewiss nichts als neuerliche Millionen verkaufter CDs...