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Es passiert uns in Frankreich, dass wir manchmal angesichts des Schauspiels, das uns unsere Parlamentarier bieten, den Kopf schütteln und uns ein wenig schämen. Manchmal gewinnen Beleidigungen und Erniedrigung die Oberhand über die höfliche demokratische Auseinandersetzung. Es passiert uns aber auch, dass die Abgeordneten, wenn wir anderswo schlimmeres sehen, plötzlich in unserer Achtung steigen. Vergangenen Freitag kam es in Mexiko zu Handgreiflichkeiten unter den Volksvertretern (Abgeordnete und Senatoren). Männer und Frauen zogen sich an den Kleidern, schubsten sich, gingen mit den Fäusten aufeinander los, fielen über die Ballustrade im Kongress, wo zwei Stunden später die Amtseinführung des neuen Präsidenten stattfinden sollte und zahlreiche Ehrengäste (unter ihnen George Bush und Arnold Schwarzenegger) erwartet wurden. Alles dies vor laufenden Kameras und unter den Augen von hunderten von Journalisten, heimischen und internationalen, die zur Feier des Tages angereist waren.

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Das kommt davon, dass man für einen Vorsitz gleich drei Präsidenten hat. Seit Monaten herrscht im dritten Staat Nordamerikas eine gewisse institutionelle Verwirrung. Erinnern wir uns an die Vorgänge: am 2 Juli dieses Jahres siegt Felipe Calderon, Kandidat der Rechten in den Präsidentenwahlen über seinen Gegner Andres Manuel Lopez Obrador von der Linken. Soweit so gut. Nur war der Abstand von 0,56% der abgegebenen Stimmen so gering, dass die Anhänger des Verlierers partout und mit allen Mitteln, mit Demonstrationen, Petitionen, parlamentarischer Obstruktion usw., die Opfer von Wahlbetrug sein wollten. Nun lebt Mexiko mit einer institutionellen Besonderheit: zwischen der Wahl eines Präsidenten und seiner Amtseinführung liegen 6 Monate. So konnte der ehemalige Bürgermeister von Mexiko-City, der Wahlverlierer, sich selbst rechtmässig zum Präsidenten ernennen. Also hatte Mexiko sechs Monate lang drei Präsidenten zum Preis von einem: den Sieger, den Besiegten und den Amtsvorgänger (Vicente Fox). Das Land hätte gewiss gern auf dies Geschenk verzichtet.

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Im Allgemeinen urteilt die mexikanische Presse eher streng über solch kindische Ausbrüche bei gewählten (oder nichtgewählten) Volksvertretern . "Sie sperren sich im Kongress ein", moquiert sich der Diario de Yucatan, Tageszeitung der gleichnamigen Halbinsel (also Kuba gegenüber); der landesweite Excelsior lacht über diese Form von "parlamentarischem Dialog" der "die Kammer zur Explosion brachte"; und der Expreso stellt fest, dass "die Abgeordneten neuerdings mit nackten Fäusten debattieren".

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Man kann nicht genug betonen: Politik ist ein gefährliches Geschäft. Der arme Luiz Ignacio Lula da Silva wollte nur das Flugzeug erreichen, das ihn nach Abuja, der Nigerianischen Haupstadt, zum ersten afrikanisch-südamerikanischen Gipfel bringen sollte - und verstaucht sich den Fuß auf dem Rollfeld. Den Schmerzen zum Trotz fliegt der brasilianische Präsident dennoch los und wartet bis zur Landung auf seinen Gips um den rechten Knöchel. Das jedenfalls ist die Geschichte von diesem unbeweglichen Präsidenten, wie sie die Zero Hora von Porto Alegre darstellt. Aber der Journalist sagt uns nicht, ob der Präsident die unbeschreiblichen Misstöne, von denen der Einzug der Gäste in die Halle des Hilton begleitet wurde, ohne weitere Verletzung überstanden hat. "Das war ein Gipfel von Boxern" hat ein afrikanischer Minister geäussert.

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Noch ein anderer unter den Grössen dieser Welt hatte kein Glück in dieser Woche. Silvio Berlusconi, der ehemalige italienische Regierungschef, brach mitten in eine politischen Versammlung in der Toskana, unweit von Florenz zusammen, nur wenige Tage vor einer Demonstration der Stärke in Rom gegen den Haushalt der Regierung Prodi, und am Vorabend... der Prozesseröffnung gegen ihn wegen Steuerbetrug (die schon einmal verschoben wurde). Die gesamte politische Klasse nahm Anteil an diesem Ohnmachtsanfall (der glücklicherweise letztendlich ohne schwere Folgen blieb). La Stampa fasst die Beängstigung so zusammen: "Zehn Minuten lang war Italien ohne Berlusconi, ohne den Mann, den die Hälfte des Landes liebt und die andere verabscheut. Seine Getreuen konnten ermessen, wieviel sie ohne ihn bedeuten würden und wie desorientiert sie sein würden, während seine Gegner entdeckten, dass sie sich ohne diese sperrige Persönlichkeit gänzlich umorientieren müssten." Die Zeitung teilt uns auch mit, dass El Quaida im Internet während dieser zehn Minuten gejubelt hat...

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Wir werden uns hier nicht weiter über das Alter als eine Art Schiffbruch der Herren Fidel Castro und Augusto Pinochet auslassen. Die ganze Welt begleitet sie Schritt um Schritt in ihrer Agonie, spaltenlang in allen Medien des Planeten. So sehr haben diese beiden einander entgegengesetzten Figuren ihre Länder und ihre Kontinente geprägt. Wir begnügen uns, ohne Kommentar und sozusagen als Summe des Nachdenkens, mit den Überschriften der Berliner Tageszeitung und der chilenischen La Nacion: "Der Lider minimo", "Der Infarkt des Diktators".

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Zum guten Schluss bewundern wir die überraschende Initiative des britischen Gesundheitsministers, der gegen die Epidemie der Übergewichtigkeit in unseren wohlgenährten Ländern (also gegen einen Schlüsselparameter für den Infarkt) zu Feld zieht: Gratistanzkurse werden den allzu sesshaften Bürgern des Vereinigten Königreichs angeboten, damit sie sich bewegen und im Rythmus ihre Fettpolster verkleinern. Kein Zweifel, es wackelt jenseits des Kanals!