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An Bord herrscht Panik: Jetzt fällt auch die deutsche Kanzlerin um, an der man, seit sie am Ruder ist, das Maßvolle, ihre Klugheit und Würde zu schätzen wusste. Nach den Niederlanden, wo die extreme Rechte im politischen Diskurs den Ton angibt, nach Frankreich, wo die Regierung versucht hat, angesichts allgemeiner Unzufriedenheit die Roma zum Sündenbock zu stempeln, nach Schweden, dessen berühmtes Modell durch den plötzlichen Wahlerfolg der Populisten sehr gelitten hat, jetzt auch Deutschland, von dem man dachte, es sei für immer gegen Xenophobie geimpft. Das deutsche mulitkulturelle Modell sei vollständig gescheitert, dieses Statement hat Angela Merkel am Wochenende vor der christdemokratischen Jugend von sich gegeben. Keine Möglichkeitsform, kein Eventuell, kein Gedankenstrich, sondern eine trockene, apodiktische Behauptung in der Gegenwartsform und mit totalitärem Adverb: "Multikulti ist absolut gescheitert". Und um ganz sicher auch verstanden zu werden, hat sie hinzugefügt: "wir brauchen keinen Zustrom von außen."

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Viviane Reding, die Europäische Komissarin für Justiz und Schutz der individuellen Rechte hatte nach der massenhaften Ausweisung von Roma aus Frankreich scharf protestiert: "Da kommen uns trübe Erinnerungen an die Deportationen im zweiten Weltkrieg. Wenn das wieder losgeht, ist Europa am Ende. Ich sage nein und in meiner Zuständigkeit für die Einhaltung der Verträge widersetze ich mich diesem Vorgehen.!" Ihre Äußerung stieß auf allgemeine Missbilligung, weil sie es gewagt hatte, auf das Unvergleichbare Bezug zu nehmen. Bei einer Begegnung mit dem französischen Minister für europäische Angelegenheiten, Pierre Lellouche, hatte dieser sich aufgeregt: "Bei meinem Namen und bei meiner Herkunft ist ein solcher Bezug für mich schlicht unerträglich". Er erinnerte an seinen Vater, der Jude und Kämpfer für das freie Frankreich war. Man sagt, die Rolle des Journalisten sei es, zu fragen, nicht zu reagieren, wiederzugeben ohne eigene Meinung. Aber an jenem Septembertag hatte ich eine nicht weniger gefühlsbetonte Replik auf den Lippen: "Bei meinem Namen und bei meiner Herkunft, Herr Minister und mit allem Respekt, den ich Ihnen schulde, denke ich genau das Gegenteil: wenn der ganze Kontinent eine oder mehrere Bevölkerungen mit einem Bann belegt, allein mit Bezug auf ihre Abstammung, dann, ja dann, hat man das Recht an die schwärzeste Stunde euroäischer Geschichte zu erinnern". (Meine Familie mütterlicherseits wurde fast vollständig deportiert und ermordet, nur meine Mutter, zwei ihrer Brüder und die Großmutter konnten entkommen. Meine Mutter ist Trägerin des Ordens der Résistance.)

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Jenseits des Rheines, wo ein Bestseller "Deutschland schafft sich ab" Furore macht: die deutsche Nation zerfalle unter dem Anstrum moslemischer Immigranten, kann der semantische Erdrutsch in Angela Merkels Sprache niemanden unberührt lassen. Solange wie fremdenfeindliche Thesen von Neofaschisten vorgetragen werden, sind sie nichts weiter als Verse ihrer Vulgata, sie mögen wütend machen, aber sie ängstigen niemanden, jedenfalls nicht allzu sehr. Wenn aber eine Frau aus der Politik, die ihr eigenes Lager manchmal als zu links stehend beurteilt, solche Sätze aufnimmt, tritt anstelle des Ärgers die Angst. Auch wenn Berlin gleich am anderen Morgen bemüht ist, das Gesagte abzuschwächen und Maßnahmen zu Gunsten einer Einwanderung ankündigt. Was geschehen ist, ist geschehen: nichts Gutes.