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Neulich erfuhr ich einen Schock, als mir eine französische Zeitschrift für das reifere Alter zugesandt wurde. Bestenfalls ein Irrtum, schlimmstenfalls Reklame, dachte ich. Dann wurde mir bewusst, dass ich in den Augen meiner Kolleginnen und Kollegen inzwischen zu den "Senioren" zähle, zu den Mitarbeiter/inne/n über fünfzig. Also habe ich mir Artikel, die sich mit derartigem "Sonnenuntergang" befassen, angesehen, wo mancheiner sich fragt, wann du wohl deine Stelle freigeben wirst, während andere dich ermuntern, möglichst noch mehr als fünfzehn Jahre weiter zu arbeiten. Um ehrlich zu sein, ich habe mich immer als eine unwillige Faulenzerin gesehen und ich träume vom Rentenalter seit ich zwanzig war... Dennoch hasse ich es, wenn man mir das Etikett Seniorin anhängt, wo ich mich oft doch wie eine Jugendliche benehme. Wenn ich dies alles erzähle, dann nur, weil in Kanada und in Australien zwei große Tageszeitungen , Le Devoir und der Sydney Morning Herald, mit ihren Titelseiten quasi die eine zum Echo der anderen wurde.

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In Australien lies der Sydney Morning Herald, die wahrscheinlich angesehenste Zeitung des Landes, Richard Bishop zu Wort kommen, der seit seinem 14ten Lebensjahr Arbeiter ist. Heute ist er 57 Jahre alt, ein gutes, faltiges Gesicht, und nach 43 Jahren schwieriger, ermüdender, nicht immer lustiger Arbeit dachte er, jetzt könne er endlich aufregendem Nichtstuns entgegensehen, einer "ganz außerordentlichen Tätigkeit", wie der seelige Manuel Vasquez Montalban gesagt hat. Doch die australische Regierung durchkreuzt seine Pläne und vesetzt ihn in eine unhaltbare Situation: "zu jung, um zu gehen und zu alt, um zu arbeiten" fasst Adele Horin, die Verfasserin des Artikels zusammen. Wie in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, in Island oder Dänemark, wird in Sydney das Rentenalter auf 67 Jahre erhöht. Die, die heute zwischen 55 und 57 Jahre alt sind, dürfen daher bis 65,5 Jahre arbeiten, die, die 52 und jünger sind, können erst mit 67 gehen. Doch die meisten Arbeitnehmer wie auch Richard haben keine Lust, länger als bis 60 zu arbeiten und die meisten Arbeitgeber wollen die "Senioren" nicht behalten.

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Le Devoir aus Quebec meint, die Quadratur des Zirkels gefunden zu haben. Die Zeitung findet Unternehmen, die auf Beschäftigte mit Erfahrung setzen und sich bemühen, ihnen passende, in Richtung Rente gleitende, Arbeitszeiten zu bieten, sowie eine gemütliche und respektvolle Arbeitsatmosphäre. Zum Beispiel der Schlosser bei Rona, einer kanadischen Kette für den vollkommenen Heimwerker. Der Leiter der Abteilung "Personal und Kultur" (sic!) zeigt sich voller Genugtuung und frei von Komplexen:"Selbst wenn die älteren Beschäftigten zusätzliche Kosten für Versicherung und Gesundheit verursachen, der Gewinn aus ihrer Arbeit übersteigt bei weitem diese Kosten." Le Devoir gab die Reportage in Auftrag, als die Universität Ottawa ein Kolloquium zur Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz veranstaltete. Die Wissenschaftler waren sich einig, dass Alter, vor Behinderung, Geschlecht und ethnischer Herkunft, an erster Stelle diskrimiert.

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Die Alternative zu all den Umtrieben von wegen Rentenalter und sozialen Folgen wurde vielleicht vor mehr als 30 Jahren, erst in den Vereinigten Staaten, dann in Deutschland und in Frankreich, in Szene gesetzt, nämlich durch die Grauen Panther - Bezeichnung zu Ehren der Schwarzen Panther. Je älter man wird, desto selbstsicherer wird man, desto weniger geneigt, sich Regeln zu beugen, desto aufsässiger, fantasievoller und zu Vergnügen aufgelegt. Ganz wie in "Arsen und Spitzenhäubchen" oder in der Lustigen Witwe!