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Ein Foto auf der Titelseite der Royal Gazette der Bermudas passt so gar nicht zum Tumult der Welt, zu Attentat in Moskau und arabischer Revolution.

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Eine beinahe obszöne Ruhe geht von ihm aus und was ist dargestellt? Zwei Spaziergänger in Rückenansicht gehen über eine glatte graue Fläche. Man stellt sie sich jung vor, sie mögen gemütlich voranschreiten und sich an einem Sonntag Morgen über Banalitäten unterhalten. Aber man weiß es nicht: könnte man durch die Rückseite des Fotos hindurchsehen, würden sie vielleicht wütend dreinschauen oder gelangweilt. Die Legende erklärt nicht mehr als: "Winterspaziergang am Strand. Ein Paar in warmer Kleidung wandert an der Hufeisenbucht an einem sonnigen aber kalten Sonntagnachmittag". Oh glückliches Bermudadreieck, mythische Konfettischnipsel in der Karibik, wo ein sonntäglicher Spleen die Titelseite füllt, wo 19 ° und feiner Regen Winter bedeutet.

Weitab von solcher Ruhe, in Quebec und in der Schweiz, widmen sich zwei ausgezeichnete französischsprachige Tageszeitungen sozusagen in Großaufnahme einer aktuellen französischen Polemik.

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Da stellt man nicht etwa die zögernde Reaktion von Paris auf die tunesische Revolte in Frage oder den Gedanken, Erfolgsprämien an Schulleiter zu verteilen, nein: im Brennpunkt steht Céline. Louis Ferdinand mit Vornamen, ein revolutionärer Autor vom feinsten und ein zum Erbrechen scharfer Antisemit. Der Schriftsteller starb am 1 Juli 1961 in Meudon, zum Ende blieben ihm nur seine Katzen und sein Hass. Der Kultusminister wollte einen Gedenktag veranstalten, aber Serge Klarsfeld, der Vorsitzende der Association des fils et filles des déportés juifs de France (Vereinigung der Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs) hatte gedroht: "Frédéric Mitterand (der Kultusminister d.Ü.) darf genau so wenig Blumen zum Gedenken an Céline verteilen wie Francois Mitterand gezwungen wurde, kein Gebinde auf dem Grab von Pétain niederzulegen." Der Minister lenkte ein, zum großen Ärger mehrerer Intellektueller, unter ihnen Bernard-Henri Levy und Alain Finkielkraut.

Die Korrespondenten der Devoir und der Le Temps haben sich kopfschüttelnd dieser "Zensur" angenommen. Christian Rioux aus Quebec bemerkt, dass "Gedenken und Feiern nicht das Gleiche. Niemand wollte den Mann feiern, wohl aber an den Tod eines schriftstellerischen Genies erinnern, dass in der Lehrerprüfung als ein Meilenstein zeitgenössischer Literatur gilt." Als könne die Beleuchtung von Werk und Autor nicht auch zum Nachdenken bewegen, dass "Irrsinn, Hass, Genie manchmal zusammengehen". Ein prima Thema für die Abiturprüfung.

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Der Genfer Yelmarc Roulet fragt, ob Celine immer noch ein Lehrgegenstand sein sollte. Er hat schweizer Professoren gefragt und die Antwort war einstimmig: "Das Studium eines Textes ist keine Katechismusstunde, sondern eine Übung in kritischem Lesen. (...) Die französische Haltung erinnert an die der Amerikaner, das Wort "Neger" aus den Romanen von Mark Twain zu verbannen. Daraus spricht eine beunruhigende Unfähigkeit, Geschichte zu verstehen und ein Schriftstück in einen Kontext zu versetzen."

Der Minister und Autor Mitterand muss sich dieser Tage im Blick auf seine tunesischen Freundschaften einerseits und die Céline-Ablehnung andererseits ziemlich allein gelassen fühlen. Er, der noch vor nicht langer Zeit die Zielscheibe von unsäglichen Angriffen war, die Werk und (imaginäres) Privatleben miteinander vermischten. Damals, als sein schöner Text "Mauvaise vie" (Schlechtes Leben) erschien. Diese Erinnerung zu meditieren möchte man ihm empfehlen...