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Der Titel der Iswestja vom Montag, dem 2. Juli hat mich erinnert, so wie Marcel Proust die Madeleine zum Tee: "Ein normales Verhältnis unter großen Jungens: das ist es, was man vom Treffen der Regierungschefs von Russen und Amerikanern erwartet". Tatsächlich hat die Erwartung des Kreml nichts außergewöhnliches, wenn da nicht das Qualifikativ "normal" wäre. Dies Adjektiv war ungewöhnlich populär in Russland, Anfang der 90er Jahre, als das Land seine großen Veränderungen durchmachte. Damals wurde damit alles bezeichnet, was im Westen gut erschien, de facto alles, was außerhalb der Sowjetunion passierte: "in einem normalen Land überquert man die Straße auf dem Zebrastreifen"; "in einer normalen U-Bahn läßt man dem Nächsten nicht die Tür vor der Nase zufallen"; "in einer normalen Zeitung wird die Regierung kritisiert"; "in einem normalen Laden steht man für eine Flasche Wodka nicht eine Stunde lang an", usw. usw.

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Ist es die scheinbare Wiederkehr des kalten Krieges, die das Wort wieder in Mode bringt? Auf der gleichen Titelseite sieht man jedenfalls einen Hugo Chavez sehr zufrieden mit seiner Begegnung mit dem russischen Präsidenten. "Gemeinsam mit Ihrem Präsidenten werden wir Wache halten..." erklärt er stolz vor seiner Rückreise nach Caracas. Was sind also die "normalen" Beziehungen zwischen Wladimir Putin und George W. Bush? Wenn man den zahlreichen von der Iswestja (eine ganz normale Tageszeitung seit sie 1995 von einer Bank gekauft wurde) befragten Experten Glauben schenken will, handelt es sich gewiss nicht um gemeinsame Ansichten zum Weltgeschehen, sondern höchstens darum, dass man über alles miteinander reden kann, über alles, nur nicht über Dinge, die Ärger bedeuten...

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Aus Kuba kamen in dieser Woche Meldungen, die zugleich normal und unnormal sind. Es erscheint absolut normal - natürlich aus der Sicht der CIA - dass die amerikanischen Geheimdienste Fidel Castro, ihren Feind Nr. 1, beseitigen wollten und also versucht hätten, ihn 1960 umzubringen (mit Gift), wie aus kürzlich freigegebenen und der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Dokumenten hervorgeht. Und man erkennt, wie weit der Verfolgungswahn ging, der im Weißen Haus, der New York Times zufolge, seinerzeit herrschte. Unnormal dagegen ist die Reaktion des Lider Maximo auf diese Enthüllungen, denn der große Ungläubige vor dem Herrn "dankt dem lieben Gott, dass er ihn vor Bush und allen Präsidenten, die ihn ermorden wollten, behütet hat." Der reconvaleszente alte Revolutionär hat durch die Presse wissen lassen, dass er nicht etwa konvertiert sei, sondern nur sich über seinen Lieblingsfeind habe lustig machen wollen. Der nämlich hatte vor ein paar Wochen prophezeit: "Eines Tages wird der Liebe Gott Fidel Castro heimholen".

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Davon abgesehen scheint es, dass Sommer ist und also Ferienzeit, lange Ferien für mich, beinahe 6 Wochen (aber ich werde, was immer geschieht, mein Blog weiterführen, wenn es gerade mal nicht regnet, denn was die Sonne angeht, wird man dieses Jahr wohl den Winter abwarten müssen...). Und ausgerechnet da lese ich in der oesterreichischen Presse, dass die Experten (wie immer, aber wohl nicht dieselben wie für die internationalen Beziehungen) kurze Sommerferien vorschlagen! Weil der Stress im Herbst sonst groß sei, und weil eine lange Pause eine allgemeine Schwächung der intellektuellen Fähigkeiten der Menschen zur Folge hat... (ausser natürlich, wenn der Herbst vor dem Sommer kommt, wie es im Moment der Fall ist!) Die Wiener Psychologen und Spezialisten der Pädagogik schlagen also vor, die traditionellen neun Wochen im Sommer aufzuteilen und zum Teil in den Winter zu verlegen. Und während wir auf diese wichtige Reform warten, halten sie Aufgaben für die Ferien für unumgänglich. Gewiss, diese Maßgabe richtet sich vor Allem an das Schulsystem, aber warum sollte man sie nicht auf alle Mitbürger jeden Alters ausdehnen, von 0 bis 100 Jahre und darüberhinaus?

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Das hätte hervorragende Folgen für Venedig. In der Tat ist die Bedrohung der Stadt der Dogen durch zuviele Turisten im Sommer beinahe größer als die durch die Fluten oder die Tauben, diese fliegenden Ratten, und die Bewohner klagen, dass sie buchstäblich in den unaufhörlich strömenden Massen ertrinken. Doch die Gefahr besteht nicht nur in der Sommersaison: auch im ersten Trimester war der Zustrom um 10% höher und für das Jahr 2007 werden 20 Millionen Besucher in der Lagune erwartet. Die Behörden fragen sich sogar, ob nicht ein numerus clausus (wie beim Zugang zu den großen Universitäten) die Zahl der Turisten begrenzen sollte. "Der Turismus, diese Luft für die Lunge der Wirtschaft unserer Stadt wird langsam zum erstickenden Gas" hat ein Verantwortlicher der Stadtverwaltung kommentiert. Aber der Leitartikler von Il Gazettino fragt wie eine solche Begrenzung praktisch durchzuführen wäre: mit einer Eintrittskarte? Durch Abzählen und Schließung der Tore, wenn die Endziffer erreicht ist? Mit einer Prüfung in ökologischen Turismus für die Besucher? Und wo liegt das Gleichgewicht von Atmen und Ersticken? Ein ausgezeichneter Gegenstand für Ferienaufgaben. Abgabe im September...

Ich wünsche schöne Ferien!