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Kennen Sie Kazachstan? Das ist ein eintöniges Steppenland, von dem man gewöhnlich kaum laut zu sprechen wagt, so autoritär ist sein Präsident, Nursultan Nasarbeijew. In Kasachstan sprudelt das Erdöl wie anderswo der Regen fällt. Also will man sich, wie jeder Neureiche, seine Einflusszone schaffen, gegen Öl, versteht sich. In letzter Zeit waren Deutschland und Österreich privilegierte Jagdgründe der Russen, die ja auch Öl produzieren.

Da kommt der Wiener Botschafter von Kasachstan, ein gewisser Rachat Muchtaruly Alijew (man versteht gar nichts mehr, denn normalerweise herrschen die Alijews in Aserbaidschan, einem weiteren Ölland...) und versucht den Generalsekretär der FPÖ (rechtsextreme Partei), Harald Vilimsky, zu beinflussen. Und darüberhinaus noch zwei weitere Abgeordnete der gleichen politischen Couleur... Alle drei werden jetzt der Spionage verdächtigt und angeklagt, geheime Informationen zur Energiepolitik Österreichs weitergegeben zu haben... Viel Lärm in der Wiener Presse, auch wenn die gelieferten Informationen zweifellos überall zu haben waren.

Die Betroffenen wehren sich lautstark und versichern, dass man sie manipuliert habe. Dazu ist zu sagen, dass die Sache für Männer, die so sehr auf Patriotismus setzen und behaupten ihr Land stünde für sie höher als alles andere, sehr peinlich wäre. Schauen wir mal, wie’s weitergeht...

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Zur selben Zeit publiziert die tschechische Tageszeitung DNES auf der Titelseite ein schönes Foto von Ernest Hemingway, breit lächelnd unter einen großen mexikanischen Hut und titelt dazu: "War unser berühmter Hemingway ein sowjetischer Spion?" Wenn ich den Artikel richtig verstehe, war der liebe große Schriftsteller nicht wirklich ein KGB-Agent, obwohl er sich so sehr gewünscht hätte, einer zu sein. Wie es scheint, war er einfach zu unfähig. Sein erstes Treffen hatte er 1941 in London: angenehm und freundschaftlich, aber ohne eigentliches Ergebnis. Der zukünftige Literaturnobelpreisträger ließ wissen, "er wünsche dringend zum Einsatz zu kommen". Man nahm das höflich zur Kenntnis, gab ihm sogar denDecknamen Argo und veranstaltete ein Jahrzehnt lang regelmäßige Treffen, sei es in Havanna, sei es in London, mit unvermindertem Enthusiasmus aber ohne dass ihm je eine praktische Aufgabe zuteil wurde. "Allzu dilletantisch" urteilten seine Rekrutierer und gaben Anfang der 50er Jahre auf. Das alles steht in einem dicken Buch "Spies - The rise and fall of KGB in America" (Aufstieg und Niedergang des KGB in Amerika), das mehrere Verfasser hat, von denen einer ein ehemaliger KGB-Angehöriger ist, der zum Historiker wurde und sich in die Archive vertieft hat.

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Seinerzeit meldeten die Sowjetbürger im Ausland alle ihre Begegnungen den Behörden: es genügte, dass man mit jemandem von der Botschaft einen Kaffee trank, und schon war man registriert und als potentieller Kontakt eingetragen... Vierzig Jahre später mutierst Du dann zum geständigen Spion...

Falls also Hemingways Begeisterung für den Kommunismus 1941 einsetzte, so endete im gleichen Jahr die Tätigkeit des Agenten "Scott", dessen Identität nach jahrzehntelangen Spekulationen in England soeben aufgeklärt wurde: Arthur Wynn, das ist er nämlich, war ein pflichtbewusster hoher Funktionär ihrer Majestät. Gleichzeitig war er ein eifriger Lieferant von Informationen für den KGB, vorallem auch der Namen von eventuellen zukünftigen britischen Kandidaten für den Beruf des Spions.

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Wynn gehörte zum Oxford-Kreis, obwohl er ein Cambridge-Absolvent war. In Cambridge hatte er 1935 seine Frau Peggy getroffen, eine englische Kommunistin, nachdem eine erste Heirat mit einer deutschen Kommunistin (der Junge zeigte immerhin eine gewisse Neigung) in die Brüche gegangen war. Der Oxford-Kreis ist um einiges weniger vornehm in Sachen Spionage, als der von Cambridge: dort gab es Mac Lean, Philby, Blunt oder Burgess, lauter Gentelmen der Oberschicht, die London sehr viel Ärger machten und immens viel Gutes für Moskau vollbrachten, in welcher Stadt dann auch mancher von ihnen sein langes Leben anerkannt und ehrenvoll zu Ende bringen konnte.

Die Oxforder hatten weniger "Glück": in ihrer kleinen Gruppe zählt man drei Selbstmorde und einen ungeklärten plötzlichen Tod. Dies wohl auch, weil die Gegenspionage sie schon bald enttarnte. Wynn entkam dem fatalen Ende und lebte bis 2001. Vielleicht verdankt er sein Überleben dem KGB: die sowjetischen Dienste entließen ihn 1941, weil sie ihn als viel zu unvorsichtig betrachteten und auch als allzu begeistert...

Ganz entschieden: Nobody is perfect!