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Wenn man sich Tomaten an den Kopf schmeißt, tun die sicher weniger weh als Kartoffeln. Im Übrigen riskiert man in Argentinien zur Zeit weder eine Tomate noch eine Kartoffel, so teuer wie sie gegenwärtig sind - oder bis gestern waren. Die große Tageszeitung Pagina 12 aus Buenos Aires, die oft feine Titelseiten liefert, erklärt uns, warum die Tomate eine Kostbarkeit geworden ist und wie die Verbraucher ihr offen den gnadenlosen Krieg erklärt haben.
Alles hat am Ende des Winters angefangen, denn ja, da drüben geht gerade der Winter zu Ende, ein dieses Jahr besonders harter, mit starkem Frost. Infolgedessen haben die Kulturen dieser für die Salate und andere argentinische Spezialitäten unverzichtbaren Frucht gelitten.

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Habgierige Produzenten und Einzelhändler profitierten vom Klima und trieben die Preise exponentiell in die Höhe (in die Stratosphäre heißt es in der Zeitung), 250 % in einem Jahr, das sind 12 und 15 Pesos das Kilo (3,5 Euro bei Durchschnittslöhnen von 600 Euro)! Wenn man in der Vergangenheit nach einer derart starken Inflation sucht, muss man schon bis zu den schrecklichen Krisenjahren, bis 1989 zurückgehen. Wie in jenen Hungerjahren und angesichts untätiger Autoritäten, haben die Argentinier, diesmal angestiftet von den Verbraucherorganisationen, sich zusammengerottet und wollen die Tomate in vernünftige Gefilde zurückholen.

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Die fünf größten Verbraucherorganisationen, unter ihnen das Zentrum für Verbraucherbildung und die Union der Verbraucher, haben zum Boykott aufgerufen, gehen auf die Märkte und stehen vor den Supermärkten. Ihr Aufruf wurde sehr weitgehend befolgt, auch die Gastwirte machten mit. Nach ein paar Tagen begannen die Preise auf dem Zentralmarkt der Hauptstadt zu fallen und das Kilo Tomaten kostete nur noch 8 Pesos. Jetzt sollte die gleiche Parole auch für die Kartoffel ausgegeben werden, denn auch die bewegt sich in der "Stratosphäre".

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In wenigen Jahren sind die Argentinier die Könige der Bürgeraktionen geworden. Liegt der Grund dafür etwa in ihrer schmerzlichen Vergangenheit, an die sie sich immer wieder erinnern? In dieser Woche wurde der Polizeikaplan in den Zeiten der Diktatur zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Der Miami Herald erinnert uns, dass Christian von Wernich des siebenfachen Mordes und der Mittäterschaft in 42 Fällen von Entführung und Folter angeklagt war. Journalisten, die die Suche nach den Henkersknechten von gestern nicht aufgeben wollten, hatten ihn in einer chilenischen Pfarrei aufgespürt. Als das Urteil verkündet wurde und die Namen der Opfer fielen, schwebten die Mütter von der Placa del Majo zwischen Erleichterung und Trauer.