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Sprecht mir von mir /
Nichts sonst mich interessiert /
Sprecht mir von mir /
Nichts sonst mich berührt

Dieser Refrain aus Guy Béarts Chanson klingt mir im Ohr seit ich den Artikel auf der Titelseite der Devoir vom 14. Dezember 2010 gelesen habe: "Psychologie, eine digitale Welt nach Maß der Narzissmen."

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Die Zeitung teilt uns mit, dass die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie in einer Welt, in der es dem Ich noch nie besser ging, besonders auch im Spiegelbild der sozialen Netze und anderer digitaler Welten, - dass also die Gesellschaft vorhat, den Narzismus aus der Liste der Persönlichkeitsstörungen zu streichen.

Die Devoir hat die umwerfende Neuigkeit der New York Times vom 30. November entnommen. Das heißt, die Narziss unter uns werden ertragen müssen, was sie am wenigsten mögen, nämlich "unbeachtet durchgehen" wie der amerikanische Psychiater und Blogger Charles Zanor mit aller Grausamkeit schreibt: "die narzistischen Persönlichkeiten werden eine aussterbende Spezies. Sie werden zwar nicht unmittelbar ausgelöscht, aber schlimmer als das, sie werden nicht mehr weiter beachtet."

Doch keine Panik, die Beklagenswerten haben zwei Jahre Zeit, sich mit der schrecklichen Perspektive zu versöhnen. Die Streichung von der Liste wird erst 2013 vollzogen.

Das Komitee, das über die Änderung zu befinden hatte, argumentiert, dass Narzismus "überholt" sei. Will sagen, nicht mehr zeitgemäß in unserer modernen, von virtuellen Spinnenfäden durchzogenen Welt, in der jede/r jede/n von einem Ende des Planeten zum anderen das Universum über seine Seelenzustände unterrichten kann. "Tagtäglich werden die Menschen aufgefordert, ihre Geschichte zu erzählen und tun das auch," meint der kanadische Webanthropologe Geoffroi Garon.

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"In den neuen Kommunikationsräumen stellen wir unsere Persönlichkeiten aus, konstruieren eine digitale Identität, gleichzeitig aber werden wir uns dieser Persönlichkeit bewusst und können tagaus tagein über sie nachdenken", schreibt er weiter. Der gewöhnliche Narziss verlangt im Allgemeinen nur, noch und noch geliebt zu werden, noch und noch sich anerkannt zu fühlen, wie Castafiore im Tim-und-Struppi-Album, die unaufhörlich die Juwelen-Arie aus der Faustoper von Gounod singt: "Ha, welch ein Glück mich zu seh’n,
Mich hier so prächtig und schön! Spiegel klar, ich dich frage: Bin ich’s denn? Schnell mir es sage! " Am Ende nichts böses außer für den armen Kapitän Haddock.

Schlimmer wirds, wenn zum Narziss das Perverse hinzukommt. Hilfe! Der perverse Narziss begnügt sich nicht damit, absolut geliebt zu sein, er will auch absolut herrschen und besitzen, ja quälen, entwürdigen, entwerten, erdrücken... Da können wir nur froh sein, wenn diese Fresslust sich bis zum Erbrechen den virtuellen Opfern widmet und die übrigen frei atmen lässt. Man hat jedoch so seine Zweifel...