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Das gleiche Foto auf den Titelseiten in Italien und anderswo: eine strahlende Eluana, unsterblich mit 17 Jahren, am Vorabend ihres tiefen Dauerschlafs als sie 21 Jahre alt war. Das Lächeln täuscht. Dahinter verbirgt sich eine italienische Farce, düsterl und gewaltträchtig mit mehr oder weniger glaubwürdigen Darstellern, Silvio Berlusconi - Il Cavaliere, Pabst Benedikt XVI, die italienische politische Klasse, und als Hollywoodstar ein zweigeteiltes Land. Die lächelnde junge Frau, eine Art Mona Lisa von heute, und ihre Familie - sie stehen im Hintergrund mit ihrem Leid, das von den einen wie den anderen instrumentalisiert wird. Die Familie hat sowohl vor Gericht wie mit Apellen an die Öffentlichkeit unausgesetzt versucht, der therapeutischen Insistenz ein Ende zu setzen, mit der das Leben dieses Dornröschens, das seit einem Autounfall in ein hoffnungloses Koma versunken ist, künstlich verlängert wird. Der letzte Akt gereicht weder der italienischen Politik noch der Kirche zur Ehre.

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Im November vergangenen Jahres hatte das römische Berufungsgericht schließlich entschieden, dass die künstliche Lebensverlängerung der jungen Frau eingestellt werden kann. Sylvio Berlusconi, der Staatschef, glaubte sich über diese Entscheidung hinwegsetzen zu können und erließ zunächst ein Dekret und versuchte dann, als der italienische Staatspräsident seine Unterschrift verweigerte, in einem Dringlichkeitsverfahren per adhoc-Gesetz die Wiederaufnahme der Behandlung durchzusetzen. In diesem Versuch, der einem Machtmissbrauch gleichkommt, fand er volle Unterstützung in der Person Benedikts des sechzehnten. Michael Braun von der Berliner Tageszeitung spricht von Allianz von Karpfen und Hase. "Nichts verbindet diese beiden Männer. Auf der einen Seite der rückständige Theologe, auf der anderen ein Komiker von oft zweifelhaftem Witz. Nichts verbindet sie, außer einer unwiderstehlichen Neigung, sich über das Gesetz zu stellen". Aber siehe da, die Ärzte nahmen ihre Entscheidungsfreiheit in Anspruch und stellten, gestützt auf das Urteil des Berufungsgerichts, die Behandlung ein. Sie ließen Eluana sanft sterben just vor der Abstimmung über das verknöcherte Gesetz, das sie gegen alle Vernunft am Leben erhalten sollte. Die Kirche beklagt "einen brutalen Mord" und hält es für richtig darauf zu bestehen, dass "in der Krankheit Gott allein dem Leiden abhelfen kann". Der Ratspräsident lässt wissen, er sei "voller Bitterkeit, dass er ihr Leben nicht habe retten zu können."

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Im Corriere de la Sera bringt der Leitartikler Claudio Magris unter der Überschrift "Ein Leben, ein Land" die Sache auf den Punkt: wenn Sylvio Berlusconi mit seinem Parforceritt Erfolg gehabt hätte, wäre dass ein schlechter Streich für die Demokratie geworden, die Gewaltentrennung wäre damit aufgehoben worden. Der Journalist empört sich außerdem über die "heiligen Naturgesetze", denen zu gehorchen sei im Namen von Kräften , die reichlich Katastrophen bewirken, Tsunamis, Epidemien und andere "natürliche" Unbilden... Zustimmung und Ablehnung halten sich bei den Italiener/inne/n genau die Waage: ein zwiegespaltenes Land, dass, nocheinmal Claudio Magris zufolge, lernen müsse, was das Wort "Liebe" bedeute. Das hätte man uns nicht gesagt, als Eluana noch lächeln konnte...