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Die Dame ist merkwürdig gebaut: rundes Gesicht, allzu glatte Haut, Brüste fast unter dem Kinn, kaum eine Taille und dicke Schenkel. Sie ist nackt, trägt eine Halskette und ein Halsband, ihr Haar liegt in einem Netz und sie hält einen komischen, sehr durchsichtigen Schleier. Man muss ihr verzeihen, dass die Ästhetik nicht ganz der Mode entspricht: sie ist 500 Jahre alt und hat sich schließlich ganz gut gehalten.
Die "Venus" von Lukas Cranach dem Älteren, Maler,Graveur und Drucker der deutschen Renaissance, gibt zurzeit in London Anlass zu einer Polemik. Das berichtet El Pais, die spanische Tageszeitung. Die Behörden der britischen Hauptstadt haben die Plakate mit dem Bild in der U-Bahn verboten. Eine Ausstellung ist dem Künstler und seiner deutschen Abwandlung des italienischen Cinquecento-Stils gewidmet, und die Organisatoren hatten diese Darstellung für die Werbung ausgesucht. Die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe fanden, dass sie Gefühle verletzen könne: " Millionen Menschen benutzen täglich die Metro, sagten sie zu ihrer Rechtfertigung, und für viele könnte die Nacktheit eine Beleidigung sein".

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Das Reglement der "tube" untersagt allzu explizit sexuelle Darstellungen von Männern, Frauen und Kindern. Schon vor sechs Jahren hatte diese politische Korrektheit ein Opfer gefordert: die Gräfin von Oxford, gemalt im 17. Jahrhundert von Peter Lely durfte nicht plakatiert werden, weil eine Brust der Dame (leicht, kaum sichtbar) dem Kleid entquoll: "ein Tuch ... den Busen, zu verhüllen, den ich nicht sehen darf" (Molière, Der Tartuffe oder der Heuchler...). Die Royal Academy of Arts hat eingelenkt und wissen lassen, dass sie einen Vorschlag zur Güte habe: eine halbe Venus, der man das Wesentliche ihrer Identität genommen hat...

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Auch die - beinahe - Antipoden hatten diese Woche ein Kulturerbe zu beklagen: das berühmte Namdaemun von Seoul, das "Große Südtor", auch "Tor des erhabenen Brauches" genannt, fiel dem Feuer zum Opfer. Der älteste Holzbau der koreanischen Hauptstadt (er datiert von 1398), die Nummer 1 ihrer und des Landes Kulturschätze, ist nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Ein siebzigjähriger Mann hat das Feuer gelegt. Schon vor zwei Jahren hatte er versucht, einen der ältesten Paläste der Stadt, den Changgyonggung, anzuzünden. Man weiss nicht, warum er das macht: vielleicht hat er was gegen alles, was kaiserliche Macht symbolisiert. Zeugen haben berichtet, er habe seine Tat ohne Schwierigkeiten ausführen können: man hat ihn gesehen, wie er ganz ruhig das Gebäude verließ, sich eine Zigarette anzündete und sich ansah, wie die Flammen in den Himmel loderten. Ein anderer siebzigjähriger, der mit hunderten von Schaulustigen herbeigelaufen war und von der Joong Ang Daily befragt wurde, kommentierte das Ereignis so: "Ich fühle mich am Boden zerstört, ich habe nicht schlafen können und vor dem Fernseher gesessen, bis das Feuer gelöscht war. Das Tor hat den Koreakrieg überlebt. Ich kann nicht verstehen, dass man es dieses Mal nicht retten konnte".

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Das Vorgehen der Feuerwehrmänner löste eine Polemik aus: Immerhin waren ihrer 99 innerhalb einer Viertelstunde nach dem Alarm zur Stelle. Aber die Kommunikation zwischen der Denkmalsverwaltung und der Feuerwehr funktionierte nicht. Eine halbe Stunde lang passierte garnichts, weil niemand koordinierte. Es wird behauptet, auf diese halbe Stunde wäre es angekommen. Gleich am folgenden Tag hat der Leiter der Denkmalsverwaltung seinen Rücktritt angeboten. Es wird drei Jahre dauern, bis das erhabene Zeremonientor wieder in den Himmel ragen kann...

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Ungefähr zur selben Zeit vergoss der Konservator der Züricher Georg-Bührle-Stiftung (der Stifter war ein ultrareicher schweizer Waffenhändler im vergangenen Jahrhundert) heiße Tränen. Ganz ruhig hatten drei Männer während der Öffnungszeiten für jedermann sichtbar, abgesehen von Masken, die ihre Gesichter verdeckten, vier der bedeutensten Meisterwerke von ganz Europa aus der Sammlung mitgenommen: einen Cézanne, einen Monet, einen Van Gogh und einen Degas. Die Diebe fühlten sich derart sicher, dass sie nicht einmal den Kofferraum ihres Autos schlossen, als sie abfuhren... Ein Kunstraub, der in der Geschichte der Kunstwerke wohl seines Gleichen sucht...

Dienstag, 19. Februar, 14h: - Nur, dass die ganze Aktion vielleicht nicht mehr war, als die Tat von ein paar Spaßvögeln: die helvetische Polizei hat den Monet und den Van Gogh wiedergefunden...


Schließlich darf die Venus nun doch in der Londoner U-Bahn plakatiert werden... Da die Ausstellung vor London im Städel-Museum in Frankfurt zu sehen war, hat sie auch in ihrem "Heimatland" für Aufsehen gesorgt...

Schleier sind für Kunst- und Literaturhistoriker ein großes Thema: Attribut der Weiblichkeit, Aufmerksamkeitsverstärker, Symbol von Gefahr und Unerreichbarkeit, "Das verschleierte Bild zu Sais" (Friedrich Schiller), Trompe-l’oeil usw. Im Katalog zur Cranach-Ausstellung wird versucht zu zeigen, dass der ominöse Schleier im Denken und den künstlerischen Gepflogenheiten der Renaissance dazu da ist, die Unmittelbarkeit des Sehens zu brechen: der Schleier zeugt von der Kunst des Malers, das Bild soll als Kunstwerk wahrgenommen werden und nicht als "Natur", als Erscheinung einer Venus (Mehr dazu).

Peter Lely (1618-1680)wurde als Pieter van der Faes in Soest geboren, wo sein niederländischer Vater Offizier in brandenburgischen Diensten war. Er kam im dreißigjährigen Krieg, gerade recht zur Long Revolution nach England, malte für Charles I. ebenso wie für Cromwell und Charles II. und gilt als bekanntester Portraitist seiner Zeit in England.