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Es kommt vor, dass ich von Neuseeland träume... Denn Kopf voller Klischees, stelle ich mir ein mildes Klima vor, grüne Hügel bis zum Horizont, Schafherden mit vollen Bäuchen friedlich dahinziehend und das Ganze im sanften Licht glücklichen Daseins. Gewöhnlich bestärkt mich die Zeitungslektüre auch in diesen Eindruck. Selten dramatische Schlagzeilen, manchmal Exzesse der Lokalpolitik (oh ja, ganz nach bester angelsächsischer Gepflogenheit), meistens Inselnachrichten.

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Das Foto der dunkelhaarigen Schönheit mit in die Ferne gerichtetem Blick auf der Titelseite des New Zealand Herald, der größten Tageszeitung des Archipels, die einem die linke Mitte unterstützenden Konsortium gehört, schien mir in die gleiche Richtung zu weisen, so sehr schien es sagen zu wollen: keine Aufregung, nur keine Aufregung.

Die Überschrift über dem Foto schien, nüchtern wie sie ist, auch nicht auf die Tragödie hinzuweisen:"Eine schwangere Frau wurde verurteilt, das Land zu verlassen". Man beginnt zu lesen, und je weiter man liest desto stärker wird der Unmut über so viel Unmenschlichkeit! Wie, diese Modelldemokratie, aufgebaut von den Einwanderer-Pionieren im Schweiß ihres Angesichts, gebärdet sich fremdenfeindlich? Die Skiauteris, eine niedliche Kleinfamilie, Monsieur, Madame und der kleine Leonardo sind im Januar mit einem Turistenvisum für drei Monate aus Litauen eingereist. Sie kamen zu Besuch beim Bruder von Herrn Skiauteris, der seit mehreren Jahren in Auckland lebt. Madame war in der siebten Woche schwanger und alles schien in Ordnung in einer fast vollkommenen Welt, als die Ärzte Anfang März bei einer Routinekontrolle der Schwangeren nahelegten, komplikationshalber das Bett zu hüten. Von da an drehte die bürokratische Maschinerie durch: am 2. April erhält das Paar die Aufforderung, das Land zu verlassen, obwohl die Reise für Mutter und Kind ein großes Risiko darstellt. Dazu die Begründung, messerscharf: "Die Einwanderungsbehörde verlängert das Visum nicht, weil die Gesundheit von Frau Skiauteris zu wünschen übrig lässt und eine Verlängerung ihres Aufenthaltes dem Staat zu hohe Kosten abverlangen könnte."

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Den Ärzten der Pränatalklinik von North Shore blieb zunächst die Spucke weg, dann reagierten sie mit Entschiedenheit: "der Rücktransport auf dem Luftweg gefährdet das Leben unserer Patientin sowie das des Kindes." Im Übrigen protestierte der Vater, was die finanziellen Verhältnisse angeht: die Familie hat eine Pflichtversicherung, wie jeder der in das Land einreist, und die bis zu 250 000 neuseeländische Pfund für die Kosten der 36 monatigen Schwangerschaft und etwaiger Komplikationen aufkommen würde. Darüber hinaus erklärt sich die örtliche Verwandtschaft bereit und belegt durch Einkommensnachweise das sie in der Lage ist, alle zusätzlichen Kosten zu übernehmen. Die Einwanderungsbehörde erwidert nur: "ihre Aufenthaltsgenehmigung ist abgelaufen, sie müssen ausreisen". - Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

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Der Artikel von Lincoln Tan, Reporter für derartige Einwanderungsfragen, lehrt uns überdies, dass solche Verfahrensweise nichts außergewöhnliches hat: vor kurzem hatte sich eine südkoreanische Studentin während ihres Studienaufenthaltes an der Universität in Auckland eine Schwangerschaft "zugezogen" und wurde ausgewiesen, sobald bekannt wurde, dass sie schwanger war. Der Einwanderungsminister Jonathan Colleman rechtfertigte sich: "Unser Land hat nicht die Mittel, Turisten gesundheitlich zu versorgen". Neuseeland ein unterentwickeltes Land? Das war uns bisher entgangen...