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Nachdem ich in der letzten Woche über die Streitigkeiten zwischen der University of California und den Native Americans geschrieben hatte, hat mir einer meiner Leser, Didier, geraten, mich doch einmal an der Ostküste des großen Nordamerikanischen Nachbarn umzusehen. Er hatte recht. Die ganze kanadische Presse, die englisch- wie die französischsprachige, ist voll des Ruhmes über den großartigen demographischen Wiederanstieg der amerindischen Bevölkerung nach Jahren des Niedergangs. Tatsächlich zählen die Autochtonen zum ersten Mal seit der Kolonisation mehr als eine Million Individuen: Es sind jetzt 1172790 und damit 3,8% der Bevölkerung. Abgesehen von einer hohen Fruchtbarkeitsrate sei der Anstieg auch zurückzuführen auf den sprunghaft gestiegenen Stolz der Mitglieder dieser "Ur-Nationen" und auf ihren Wunsch, ihre Zugehörigkeit zu bekennen.

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Wenn man aber über die Selbstzufriedenheit angesichts einer im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sechs mal höheren Wachstumsrate hinaussieht, zeigt die Statistik ein sehr gemischtes Bild. Die Indianer Kanadas sind heute Stadtbewohner (weniger als 40% leben noch in den Reservaten), sind jung (um die 50% jünger als 25 Jahre) und meistens ärmer als die anderen: ungesunde Wohnverhältnisse, Krankheitsanfälligkeit der Kinder und eine um fünf Jahre geringere Lebenserwartung als die Bevölkerung im Mittel.

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Ungeachtet so manchen spektakulär erfolgreichen Lebenslaufs, sind die Schlussfolgerungen der Zeitungen pessimistisch: der Exodus in Richtung Städte würde zu kultureller Verarmung führen, zum Verlust der Muttersprachen, zu einer unzureichend ausgebildeten Jugend ohne berufliche Perspektiven. Brigitte Breton schreibt in Le Soleil einen alarmierenden Leitartikel: "Wenn wir nichts unternehmen. wird die Gleichgültigkeit der Kanadier angesichts des Schicksals ihrer Mitbürger aus den Urnationen zu einer enormen Bürde. Das sozioökonomische Bild, das die Autochtonen abgeben, ist eine Schande für ein so reiches und entwickeltes Land wie Kanada."

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Der Kampf um die Rechte der Indianer beschränkt sich natürlich nicht auf den nordamerikanischen Halbkontinent. Auch weiter südlich sind die Lebensverhältnisse der indianischen Bevölkerungen eine Tragödie. Am Vorabend des Jahreswechsels machte sich der chilenische Schriftsteller Pedro Lemebel in La Nacion in einem ergreifenden Appellzum Sprachrohr für die Mapuche in seinem Land. Militante Mapuche, die wegen ihrer Forderung nach territorialer Einheit im Gefängnis sitzen, sind in einen Hungerstreik getreten, den die Presse mit ohrenbetäubendem Stillschweigen bedenkt. Einige sind schon sehr krank. Sie wehren sich heuer gegen ein Projekt, das an den Streit in Berkeley erinnert: in Temuco, auf "ihren olivgrünen Wiesen, inmitten ihrer blauen, gelben und rosa Berge", auf den Gräbern ihrer Vorfahren, soll ein Flughafen gebaut werden...


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Als Mapuche betrachten sich etwa 1 Million Einwohner von Chile und Argentinien (in Chile etwa 4% einer Bevölkerung, die zu 60 Prozent, meist nicht zugegeben, die ein oder anderen indianischen Vorfahren hat). Nachdem sie sich über Jahrhunderte im Süden des Kontinents erfolgreich gegen Kolonisatoren (Inkas, Spanier) wehren konnten, wurden die Indianer in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts von den chilenischen Regierungen brutal unterdrückt und vertrieben. Seither kämpfen viele verzweifelt um ihre Existenz. Heute lebt die große Mehrheit in Städten, vorallem in Santiago de Chile. Die Diskrimierung ist trotz nationaler und internationaler Proteste noch immer nicht zu Ende.
Bei den fünf Gefangenen zu Beginn des Hungerstreiks handelt es sich um führende Persönlichkeiten der Mapuche-Selbstverwaltung und Aktivisten der Mapuche Organisationen. Zwei von ihnen wurden 2001 aufgrund einer fragwürdigen (zu Pinochets Zeiten entstandenen) Gesetzgebung als Terroristen angeklagt und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie und ihre Mitstreikenden sollen außerdem 840 000 Dollar Entschädigung an eine Holzfirma zahlen. Man legt ihnen ein Feuer zur Last, bei dem 2001 in der Nähe von Temuco 100 ha Nadelholzwald der Firma abbrannten.

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