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Die Pelzkapuze lässt nur zwei schwarze Augen frei und die schauen traurig drein. Kinderaugen auf der Titelseite von La Presse, der sehr populären Tageszeitung in Quebec. Das Blatt hat sich die tristen Lebensbedingungen der indianischen Kinder der Provinz vorgenommen: für 12% von ihnen beschließt die DPJ (Direktion Jugendschutz) jedes Jahr, sie von ihren Familien zu trennen, ein drittel ist weniger als fünf Jahre alt. Die meisten werden weit weg von ihrem Zuhause bei "Weißen" untergebracht, weit weg auch von der elterlichen Kultur. Das Auseinandergerissenwerden ist eine Folge der sozialen und kulturellen Situation. Hinzu kommt eine Alkohol- und Drogenproblematik, die sich in den Urnationen besonders in Quebec ausbreitet.

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Louise Leduc, die Autorin der Enquête, hat solch heimgesuchte Gemeinschaften aufgesucht: ein stellvertretender Leiter teilte ihr mit, dass 90 von 600 Minderjährigen "außerhalb" leben. Die Kriterien für die Trennung von der Familie und die anderweitige Unterbringung sind streng: Armut und physischer oder psychischer Zustand der Eltern führen allzuleicht zur Trennung. Und die Kinder können nicht bei Verwandten untergebracht werden, weil das Reglement fordert, dass jede/r Minderjährige ein Zimmer für sich haben muss, was bei den übervölkerten Behausungen der Ureinwohnergruppen selten möglich ist. Ein Mitglied des Autochtonenrates regt sich darüber auf: "Ist es denn so schlimm, wenn ein kleines Mädchen von 4 Jahren im gleichen Zimmer mit einem anderen, siebenjährigen schläft? " Guylaine Gill, die Generaldirektorin der Gesundheitskomission und der Sozialdienste für die Urnationen von Quebec und Labrador ist ihrerseits auch außer sich: "Würde man senn zulassen, dass hunderte von kleinen Quebecern nach Ontario wandern, weil hier die Mittel fehlen? Genau das passiert bei uns und es zerreißt einem das Herz, wenn man diese Kinder sieht, die oft nur ihre Muttersprache sprechen und dann in eine Familie fallen, in der nur französisch oder englisch gesprochen wird". Das genau ist nämlich das Problem einer Politik - weniger der Prävention, als der Zwangsvollstreckung. Durch das Auseinanderreißen wird die Akkulturation verstärkt und damit fabiziert man unter Umständen die Entwurzelten, die im Alkohol und in der Drogue das Vergessen suchen - ein Teufelskreis...

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Der englischsprachige und darum nicht weniger kanadische Globe and Mail ließ eine andere Katze aus dem Sack: immer häufiger werden Frühgeburten und ihre Mütter in die benachbarten Vereinigten Staaten geschickt, weil in den Spezial-Geburtskliniken die Betten mangeln und es keine wirkliche Planung für eine gute medizinische Geburtenversorgung gibt. Die seriöse Zeitung verweist auf einen alarmierenden Niedergang: 1990 stand Kanada auf dem sechsten Platz geringster Kindersterblichkeit weltweit. 2005 ist es auf den 25sten zurückgefallen und steht in einer Reihe zum Beispiel mit Estland. Angesehene Pädiater appellieren an die Bundesregierung einmal, dass die Neugeborenenversorgung zu ihrer früheren Qualität zurück finden müsse, aber darüberhinaus wird das gesamte Gesundheits- und Sozialsystem aufs Korn genommen, wie seinerzeit sehr böse am Anfang von "Invasion der Barbaren" des wunderbaren Denys Arcand.