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Am letzten Sonntag, dem 17 Januar 2010, äußerte sich mein begnadeter Kollege Wadim Glusker, Leiter des NTV-Büros in Paris, in der Sendung Kiosque von TV5Monde zum 90jährigen Jubiläum eines generellen Alkoholverbots in den Vereinigten Staaten. Er fragte sich, was die Konsequenzen eines solchen Gesetzes in Russland wären und meinte, eine solche Maßnahme wäre vollkommen unrealisierbar. Der Beweis: "wenn Michail Gorbatschow nicht 1985 eine Kampagne gegen den Alkoholismus im Land gestartet hätte, wäre er vielleicht heute noch an der Macht und die UdSSR würde noch existieren!" Tatsächlich haben wir da einen Kausalzusammenhang der von den Experten in Sachen Sowjetologie selten erwähnt wird, aber gar nicht so weit hergeholt ist wie es zunächst scheinen mag, denn das Trinken ist im Lauf der Jahrzehnte zum festen Bestandteil russischen Unwohlseins gediehen.

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Wie aber geschieht jetzt? Gehen Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew das Risiko ein, die politische Bühne verlassen zu müssen? Die Frage stellt sich, denn die beiden haben neuerlich wieder eine Anti-Alkohol-Kampagne lanciert mit dem erklärten Ziel "bis 2020 den Alkoholmissbrauch einzuschränken und dem Alkoholismus wirksam vorzubeugen". Der Beschluss wurde im Dezember bereits gefasst, aber erst Mitte Januar an die Öffentlichkeit gebracht, "zweifelsohne, um die diversen Jahreswendefeiern nicht zu stören", sagt uns Andrei Soussarow von der Wremja. Doch die Perspektive scheint so unwirklich, dass man sich fragt, wie so etwas überhaupt gehen soll.

Am Vorabend der Russischen Revolution trank jeder Russe im Mittel 0,83 Liter Alkohol im Jahr. Seinerzeit war das wahrscheinlich eine der niedrigsten Mengen im europäischen Vergleich. Zu Anfang der neunziger Jahre, gleich nach dem Ausscheiden Gorbatschows und dem Ende seiner Alkoholkampagne war der Konsum auf 5,4 Liter angestiegen. 2008 lag man bei 10 Liter pro Bewohner des riesigen Landes, Kleinkinder wohl gemerkt ausgenommen (obwohl....). Der WHO zufolge bewirkt jeder getrunkene Liter eine Verringerung der Lebenserwartung um 11 Monate... Rechnen Sie nach: bald wird Russland zu den jugendlichsten und stärksten Ländern des Erdballs zählen, frei von jeglichen Sorgen um die Renten ...

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Die neue Politik läuft unter dem schönen Titel "Umorientierung der Bevölkerung hin zu einer nüchternen, gesunden Lebensweise". Vor einigen Jahren traf ich auf einer meiner Reisen in die Sowjetunion (kurz vor dem Ende des großen sozialistischen Vaterlandes) Irina und Sascha, die zusammen das "Institut für Lebenshygiene" bildeten. Ein bemerkenswertes Paar, sie doppelt so alt wie er, beide lustig, energisch, freundlich. Ihr Wirkungsbereich erstreckte sich vom Alkohol über Aids (russisch Spid) und Zigarette zu den harten Drogen. Sie zeigten angesichts der riesigen Aufgabe eine köstliche Selbstironie und stärkten sich mit kleinen Wodkaschlückchen und täglichen Zigarettenpaketen...

Das Institut ist heute sicher verschwunden und durch eine neue Organisation ersetzt. Die Herkulesarbeit ist nicht kleiner geworden. Es ist nicht der erste Anlauf der Russen: am Vorabend des Ersten Weltkriegs erließ Nikolaus II ein Alkoholverbot, das die Bolschewiki 1925 erneuerten. 1958 wurde der Akoholverkauf im öffentlichen Raum untersagt, in Bahnhöfen, Flughäfen, bei Festen, in der Umgebung von Schulen und Krankenhäusern usw... !972 erhöhte der Staat die Preise und setzte die Produktion herab. Bis dann Gorbatschow seine drastischen Maßnahmen ergriff und scheiterte... Viel Glück, Wladimir und Dmitri!