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Der Neujahrstag 2011 wird ein komischer Tag. Wer die Sylvesternacht gefeiert hat, mag überall in der Welt mit einem Kater aufwachen, aber für die Bürger Europas wird das Erwachen diesmal schlimmer ausfallen, meint die österreichische Die Presse, und der Kurier titelt: "Schatten über Ungarn". Am 1. Januar 2011 übernimmt Ungarn für sechs Monate turnusgemäß die europäische Präsidentschaft. A priori ist Ungarn doch ein sehr schönes Land: die schöne blaue Donau fließt mitten hindurch und an ihren sanften Hängen wächst ein herrlich mundender Nektar, der ungarische Tokayer. Und weitgereiste Freunde oder gar Adoptivkinder dieses Landes behaupten gar, die Crèmetorten seien dort noch größer als in Österreich...

Allein, seit ein paar Monaten hallen Stiefelschritte in den Straßen Budapests und anderer Orte wider, seit die ultrarechte Partei Jobbik, obwohl nicht unmittelbar an der Macht beteiligt, Sonne und Regen (vorallem Regen) auf der politischen Bühne kommandiert. Mit nur einem Achtel der Parlamentssitze lassen sich diese Neofaschisten und treuen Nachfolger des Nazipartners Horthy mit offen antisemitischen und anti-Roma Parolen quasi einschmeichelnd bis ins Arbeitszimmer des Premierministers hinein vernehmen: nicht nur will der Konservateur Viktor Orban sie nicht gegen den Strich bürsten, er nimmt gar vorauseilend ihre Wünsche auf.

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Da bleibt kein Bereich ausgespart: die Pressefreiheit wird ab dem 1. Januar per Gesetz eingeschränkt, aber das Gesetz wurde bereits angewandt mit dem Versuch, ein offenbar nicht hinreichend wohlmeinende Portrait der zukünftigen Hohen Priesterin des neuen Medienkontrollorgans der Zensur zu unterwerfen. Eine "linke" Website war die "Übeltäterin". Das Verfassungsgericht wird umorganisiert, damit es vorallem durch der Regierung nahestehende Richter besetzt werden kann. Festtage zur Erinnerung an Ungarns Größe in Zeiten der Donaumonarchie häufen sich. Allen in anderen Ländern lebenden Mitgliedern magyarischer Gemeinden wird die ungarische Staatsbürgerschaft angeboten. Und die Kultur kennt quasi nur noch eins: Gesänge von Ungarns Ruhm und auf keinen Fall Annäherung und Brückenbau zu den Nachbarn. Für den Tag der Erinnerung an den Verlust von Siebenbürgen-Transsylvanien 1918 wurde ein rumänisches Konzert, das am Vorabend, dem 30ten November im Nationaltheater stattfinden sollte, abgesagt. Es stelle einen Angriff auf das ungarische Nationgefühl dar. Jobbik ließ vernehmen, der Theaterdirektor Robert Alföldi solle künftig seine Aufführungen "in einen Keller des 7ten Bezirks (das jüdische Viertel Budapests) verlegen, dort könne dieser homosexuelle Jude ja seine Avantgardekunst zeigen". Da wird einem regelrecht übel...

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Wie wird sich die von der Eurokrise geschüttelte europäische Union angesichts solcher Extremismen aus der Affäre ziehen? Wolgang Böhm, Leitartikler der Presse, eines Blattes, dass in Österreich zählt und zur Linken neigt, sieht hier eine Chance für Europa und für Ungarn. "Mehr internationale oder gar globale Prioritäten helfen dem kleinen Land über seine nationalistische Kirchtumspolitik hinweg. Und die europäischen Partner können ihren Blick nicht mehr von Ungarn abwenden, müssen sich dem, was dort vorgeht, stellen und dürfen das in aller Legitimität, ohne den Eindruck der Einmischung in innere Angelegenheiten zu erwecken. Die europäische Union hat eine belgische Präsidentschaft überstanden, als sich Belgien mitten in einer Regierungskrise befand. Sie wird auch die Präsidentschaft Ungarns überleben." Der Journalist erinnert an die Lage seinzeit in seinem Heimatland: Als Österreich am zersetzenden Rechtextremismus eines Jörg Haider litt, hat Europa ihm gedroht und es stigmatisiert, mit dem Effekt, dass es sich noch mehr auf sich selbst zurückzog. "Die konservative Regierung Viktor Orban und ihre autoritären Maßnahmen zeigen wie unfähig Europa ist, Widerspenstige in die demokratischen Reihen zurückzuführen. Da offenbart sich ein struktureller Mangel der europäischen Verfassung" meint der Leitartikler Georg Baltissen.

Also was tun? Ab dem 1. Januar 2011 jedenfalls auf etwaigen Geruch nach Schwefel achten...


Anmerkung des Übersetzers: Anlässlich der Wahlergebnisse im Frühjahr und des Einzuges der Jobbik ins Parlament sprach die Süddeutsche Zeitung mit György Konrad. In Köln sprach Sarah Brasak mit György Dalos.

Im "Echo der Zeit" vom 12. April, am Tag nach den Wahlen sind die beiden Autoren auch zu hören.