Da wären sie also wieder. Zwar noch weit weg, aber die Bedrohung schwebt über uns, kennt keine Grenzen, kommt auf uns zu. Die Herolde unserer modernen Zeiten trompeten wieder, denn noch immer gilt: Angst steigert die Verkaufsziffern und Angst beschäftigt die Menschen. Die Rede ist von der Vogelgrippe und von ihrem ständigen Begleiter mit dem furchterregenden Namen, dem Virus H5N1!

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Die zunächst Betroffenen im Fernen Osten sind auch die ersten im Blätterwald, auch wenn man weiss, das per Schmetterlingseffekt oder wegen der Nachrichtenpause anlässlich der Feiertage am Jahresende die Europäer "in den Startlöchern stehen". Die beiden grossen Tageszeitungen Südkoreas, wo das Virus wieder aufgetaucht ist, die Joong Ang Daily und die Korea Times haben also die Woche mit derselben Nachricht eröffnet. "Die Massentötung von Hühnern hat begonnen" schreibt die eine, während die andere uns beibringt: "Im Kampf gegen das Vogelgrippevirus geht kein Weg am Auslöschen vorbei". Zwei Bilder zur Unterstützung dieser Feststellung scheinen sich zu widersprechen: Auf dem grösseren der beiden versammelt sich eine Armee von Männern in weisser Schutzkleidung (in der sie komischerweise Hühnern ähneln) vor einer riesigen landwirtschaftlichen Halle in der man zu tausenden das Federvieh vor seiner Tötung vermutet. Ein Schaudern läuft einem über den Rücken.

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Aber gleich daneben das Foto, auf dem eine junge Frau offenbar mit Genuss etwas isst, was ganz wie eine Hähnchenkeule ausssieht. Die Legende belehrt uns, dass die Angestellte des Gesundheitsdienstes auf diese Weise die korreanische Bevölkerung beruhigen will.Die Botschaft könnte sein: "schlaft nur in Ruhe, wo auf der einen Seite ausgelöscht wird (236 000 Geflügeleinheiten in einer Woche) werdet ihr auf der anderen gut ernährt.

Die WHO,die Weltgesundheitsorganisation, kommentiert die Massnahmen äusserst positiv: solange das Virus nicht mutiert, ist kein wirksamer Impfschutz möglich, und die einzige wirkliche Prävention besteht in der Massenschlachtung von Geflügel. Wenn man sich nicht mit der französischen Krimiautorin Fred Vargas, die gleichzeitig auch eine Spezialistin für die Bekämpfung der Pest im Mittelalter ist, den absolut dichten, durchsichtigen Schutzanzug überziehen will. Der gewöhnliche Bürger ist perplex: warum ist diese Krankheit, die bisher auf der ganzen Erde in vier Jahren 153 Menschen das Leben gekostet hat, so fürchterlich? Und für Leute mit einer Vogelphobie ändert sich sowieso nicht das geringste...

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Dem Londoner The Independent zufolge, geschieht ein anderes Auslöschen ziemlich geräuschlos und bei weltweiter Gleichgültigkeit: das der englischen Füchse. Während doch die britische Regierung in einer lobenswerten Anwandlung von Würde vor 18 Monaten die Fuchsjagd mit Hunden untersagt hat. Der Artikel von Guy Adams auf der Rückseite des aufregenden Titels fängt so an: " Der Fuchs hat keine Chance, sich zu retten. Erst wird er von einer Hundemeute gejagt. Dies bis zum Eingang eines Erdlochs, das eigens zu diesem Zweck gegraben wurde. Da wird ihm mit einem Luftgewehr der Gnadenstoß verpasst. "Ich töte so viele, wie ich will, genau wie vor dem Gesetz", rühmt sich ein Jäger. Wirklich, Tony Blair hat keine Chance.

Noch weniger eine Chance haben die belgischen Arbeiter der Firma Volkswagen (was wörtliche Wagen des Volkes bedeutet, bekanntlich eine Erfindung der Nationalsozialisten). Das deutsche (aber auch, wie die ganze Automobilindustrie, weltweite) Unternehmen hat gerade den Wegfall von 4000 Stellen im Brüsseler Werk angekündigt. Der Autobauer hat beschlossen, sich zurückzuziehen und fast die gesamte Produktion über den Rhein zu verlagern, nicht ohne zu äussern, dass selbst in Deutschland beträchtliche Einschränkungen fällig seien. Angesichts dessen, was für tausende von Familien einer Katastrophe gleichkommt, hat die belgische Presse eine seltene Einigkeit bewiesen, ob wallonisch oder flandrisch. Der Trauerkranz auf der Titelseite von Le Soir (Der Abend)und die Arbeitertränen auf der von De Morgen legen Zeugnis ab.

Tatsächlich gehört die Zukunft zum Verzweifeln den neuen Technologien. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet uns, dass eine der orthoxen Strömungen im Judaismus jetzt den SMS eingeführt hat. Die dringenden Fragen der Bussfertigen sollen so beantwortet werden. Der Erfolg ist umwerfend. Die Fragen sind lebensnotwendige: "Darf man am Schabbat Techina (eine Art Mayonnaise mit Sesamöl) zubereiten?" Postwendend die Antwort des Rabbi "Nur wenn sie mit Wasser angemacht wird". Vor ein paar Jahren widersetzten sich die Verfechter des Dogmas derartigen Dialogen noch ... im Radio nicht zuzulassen.

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Wir beschliessen die Woche mit zwei guten Nachrichten, beide von den Titelseiten der russischen Iswestija (Iswestija bedeutet "Nachrichten, Neuigkeiten"). Die zu Sowjetzeiten emblematische Tageszeitung ist ihren Weg auch nach dem Ende der UdSSR gegangen und wurde folgerichtig von einer Bank gekauft. Ein Teil ihres Teams hat sie daraufhin verlassen und die "Nowije Iswestia " gegründet (was auch soviel wie "Neue Neuigkeiten" bedeuten könnte). Am Dienstag den 21 November führt uns das Blatt (ironisch) die zukünftigen Uniformen der Soldaten mit folgender Frage vor: "Die Armee 2007: was wird sich ändern, mit Ausnahme der Uniform?" Die Anwort lag natürlich schon in der Frage. Sicher ist nur, dass sie (die Armee) nicht mehr die Rote ist. Was die Uniform angeht, wird man vorallem auf die Kopfbedeckungen achten.

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Am Mittwoch, den 22 November, ist man dann ganz aus dem Häuschen: der neue BAkunin erscheint. Nein, nicht der anarchistische Revolutionär des 19ten Jahrhunderts, sondern der (georgisch-moskovitische)Krimiautor unserer Zeit, der sich das Pseudonym B. Akunin gegeben hat. Selten, dass ein Buch die Titelseiten beansprucht, aber wenn es sich um die neueste Episode der Abenteuer des Erast Petrowitsch Fandorin, Privatdetektiv im zaristischen Russland, handelt, ist alles erlaubt. Diesmal entdeckt das vollkommene Konzentrat aller Tugenden eines Dieners seiner Mitbürger, das dem alten wie dem neuen Russland so grausam fehlt, - entdeckt der Held Amerika. Wie lange werden wir armen, nicht russischsprachigen Leser auf die Übersetzung warten müssen?


Grigori Chalvovitch Tchkhartichvili (geb. 1956) Japanologe, Redakteur bei der Inostrannaja Literatura (bis Oktober 2000), Direktoriumsvorsitzender des Soros-Projektes Pushkinbibliothek, lebt seit seiner frühesten Kindheit in Moskau und wurde, beginnend mit "Azazel", zum erfolgreichen Kriminalromanschriftsteller (mehrere Werke sind auch verfilmt). Sein Pseudonym Boris Akunin verweist einerseits auf Michail Bakunin, Anarchist des 19ten Jahrhunderts, andererseits auf die japanische Übersetzung des in Russland seit der "Wende" besonders geläufigen Ausdrucks "plochoi tschelowek" ("schlechter Mensch" vergleichbar in der Anwendung mit dem spanischen "mala gente").