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Wisconsin liegt am äussersten Rand. Wer weiter geht, fällt in den Michigansee und wenn er zufällig schwimmt und nicht untergeht, kommt er nach Kanada. Dorothea Hahn, die Washingtoner Korrespondentin der Tageszeitung ist als Krisenbeobachterin an diese amerikanische Grenze gereist. Sie hat sich in einem Viertel von Milwaukee, der größten Stadt des Staates, umgesehen. Nicht zufällig: Milwaukee verdankt seine Entwicklung in hohem Maß deutschen Immigranten, Menschen die der Hunger in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Ferne trieb. Und heute treiben Menschen im fernen Deutschland die Stadt an den Rand des Abgrunds: der größte Gläubiger der durch Kredite ruinierten und wegen nicht bezahlter Zinsen auf die Straße gesetzten Hauseigentümer ist eine deutsche Bank in Frankfurt! Diese deutsch-amerikanische Fernbeziehung mit ihren konkreten Implikationen für die Büger von Milwaukee wirft ein selten klares Licht auf die verwickelten Zusammenhänge der Krise.

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"Die 23. Straße ist für Investoren besonders interessant. Kleine Holzhäuschen vom Ende des 19 Jahrhunderts, jedes in anderer Farbe auf dem grünen Rasen, erinnern an das deutsche Milwaukee. Die kleine rote Backsteinkirche, die zur Emmausgemeinde gehört, könnte unmittelbar aus Preußen stammen. Auch die stillgelegten Brauereien in der Nachbarschaft, würde man ebenso irgendwo in Deutschland finden. (...)
In dieser Straße lebt James Exum mit seiner alten Mutter. Er hat gesehen, wie seine Nachbarn, einer nach dem anderen, Kredite aufgenommen haben. Für ein neues Auto. Um die Kosten einer Hochzeit zu bestreiten. Auch ihm wollten die Makler einen Kredit schmackhaft machen. "Sie brauchen keinen Einkommensnachweis," hiess es, "Ihr Haus genügt uns als Garantie. Stellen Sie sich vor, was Sie sich alles kaufen können!" James’ Mutter lehnte ab. Seither haben dann die Nachbarn ihre Häuser verloren und nun sind die Exums beinahe allein im Viertel. Ganz und gar kein Grund zur Freude: ihr Haus hat an Wert verloren und die Bank, die jetzt die leeren Nachbarhäuser besitzt, lässt diese verkommen." Früher oder später verfallen sie dem Abriss, und so auch, nach und nach, die ganze Stadt.

Es zeigt sich hier besonders deutlich die schlecht Seite der Mondialisierung: kleine Leute, vielfach Afro-Amerikaner, in einer mittelgroßen amerikanischen Stadt, glaubten dort ihr Paradis gefunden zu haben und geraten unter die Räder, weil ein unerreichbares Bankinstitut, tausende Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Atlantik, das so will.

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Zweifellos hätte dieses Schulbeispiel ein paar seemännische Fadenlängen entfernt am anderen Ufer des Sees, beim Kongress der kanadischen Föderation der Sozialwissenschaften, ein Thema sein können. Le Devoir berichtet vom Kongress auf der Titelseite (Oh welche Tageszeitung, die inmitten einer internationalen Krise um eine vor der Küste Gazas scheiternde Flottille, einen Gutteil ihrer Schlagzeilen einem Kongress der Sozialwissenschaften widmen kann!) Wie jedes Jahr versammeln sich Intellektuelle aller Fachgebiete aus dem ganzen Land und analysieren unsere mehr oder weniger scheiternde Gesellschaft. Dieses Jahr kam das viertägige Konklave zu dem Schluss: unsere Gesellschaft leidet an einem verbreiteten Denken des "ich habe ein Recht auf alles". Ein vielbeachteter Hauptredner der Versammlung war der Philosoph Mark Kingwell. Ihm zufolge untergräbt eine Auswucherung individueller Rechte langsam aber sicher unser System. In unserem Zeitalter "ist das postmoderne Individuum durch seinen Konsum definiert, hat starke Begierden und erotisiert das Kapital. Vergnüge Dich, womit auch immer!"

"Genieße was auch immer Du genießen möchtest" war wohl auch der Slogan, mit dem wuchernde Kreditmakler die Bewohner der 23. Straße in Milwaukee verführen konnten.


Anmerkung des Übersetzers:

Mehr zu Mark Kingwell (geb. 1963) zum Beispiel im Interview mit Brian Berger "Who walk in Brooklyn"

Der Originaltext der TAZ, der hier einfachheitshalber rückübersetzt wurde ist hier im Netz zu finden.