Manchmal muß man sich mit schwierigen, stacheligen und scharfkantigen Themen herumschlagen. Etwa mit denen die gerade von Frankreich bis Österreich über Deutschland, von den Vereinigten Staaten bis Malaysia oder auch im Vereinigten Königreich Schlagzeilen machen. Da muß man seine soliden Bezugspunkte haben. Einen solchen bietet seit fast einem Jahrhundert Robert Benchley. Robert oder Bob, wie ihn seine Freunde nannten, schrieb zwischen den Kriegen kurze, entwaffnend drollige Chroniken. Die erschienen in renommierten Zeitschriften, in Vanity Fair, im New Yorker. Unbedingt empfehlenswerte, wenn schon nicht obligatorische Lektüre für jedes Alter ab dem achtzehnten Monat. (Französisch im Verlag Le Dilettante: "Polarexpedition mit dem Fahrrad" oder "Die Psychologie des Pinguin". Leiter ist der Titel "Die Qualen des Wochenendes" vergriffen.)

Also werden wir uns in Gedanken, was die wesentlichen Affären dieser letzten Maitage 2006 angeht, etwa an "Da wurden alle meteorologischen Rekorde geschlagen" oder auch an "Das Sexualleben der Tritonen" halten. Selbst so serieuse Blätter wie der Parisien (französisch), die Süddeutsche Zeitung (deutsch) oder die Österreicher Kleine Zeitung und Neue Vorarlberger (eine besonders sympatische Schlagzeile: "Viel zu kühl im Ländle")machen sich Sorgen wegen der quasi winterlichen Kälte in diesem Frühling. Eine durchaus berechtigte Sorge, meint die ukrainische Sevodnia (Heute), und Kassandra verspricht uns gleich noch einen kühlen Sommer (weil das die Großmütter behaupten und die müssens ja wissen). So wird uns, wenigstens fürs erste, die Globale Erwärmung weniger beunruhigen, das heißt uns Europäer.

Was uns jedoch beunruhigt sind die Rekorde:"Die Agenturen quellen über mit neuen Rekorden an Hitze- und Kälteperioden.(...) Selbst die mittleren Temperaturen erreichen immer neue Höchstwerte." Wie kann man solche repetitive, langweilige Medienmache abstellen? Benchley schlägt eine etwas persönlichere Variante vor: "Um halb zwölf gestern abend übertraf die Temperatur im Wohnzimmer von Frau Albert J. Arnkle in Bellclapper, Long Island alle Rekorde: das Thermometer stieg auf 53 Grad, während die höchste bisher jemals erreichte Temperatur, am 4 Juli 1911, 52 Grad betrug. Es war ein bizarrer Zufall, daß beide Male Herr George Losh zu Gast war."

Aber es gibt schlimmeres als ein ungnädiges Klima, nämlich ein mangelhaftes Sexualleben. Red Eye, ein Produkt der ehrwürdigen Chicago Tribune, gibt sich alarmiert: "Wir haben keine Zeit mehr für den Geschlechtsverkehr. Unsere Tage sind einfach zu voll." Der Leser wird jedoch auf eine Doppelseite weiter unten verwiesen und findet dort Vorschläge zur Abhilfe, zum Beispiel durch rationale Planung! Unser Vorschlag wäre, den Blick nach Malaysien zu richten. Am gleichen Tag freut sich nämlich die in Kuala Lumpur erscheinende Malay Mail mit dieser Schlagzeile: "Wir sind ja vielleicht keine Kaninchen, aber die Malaysier finden ihr Glück im Bett." Daraus ist abzuleiten, daß die Malaysier im Rythmus einer zwanzig-Stunden-Woche leben. Oder sei’s, daß das merkwürdige voreheliche Verhalten der Malaysier, wie beim Triton, auf Verschwiegenheit beruht."

Aber noch haben sie nicht alles gelesen! Es gibt schlechterdings mehr. Dem Dayly Telegraph von diesem 31. Mai zufolge laufen wir Gefahr, und das Risiko ist möglicherweise groß, daß uns auf der anderen Seite des Kanals wieder Hundemeuten bei der Verfolgungsjagd zugemutet werden. Résumé der Vorgeschichte: seit einem ersten Erlaß 1997, erst recht aber mit dem "Hunting Act" von 2004 dürfen nur akkredidierte Jäger sich mit zwei Hunden umgeben. Aus Gründen der Menschlichkeit, vielmehr der Tierlichkeit. Es scheint jedoch, daß zahlreiche Hunde die Agonie des Hirschs verkürzen, sie also menschlicher, pardon, tierlicher machen. Also könnten die Hunde ein Come-back feiern. Angesichts der Drohungen seitens der Tierschutzliga sah sich der National Trust, die für Umweltschutz zuständige Behörde, zu einem Dementi gezwungen.

Und leider haben wir zu diesem kapitalen Thema bei Robert Benchley keine passende Zeile gefunden.


Robert Benchley (1889-1941) kam in einer gut situierten New-England Familie zur Welt. Er war neun Jahre alt, als sein älterer Bruder, soeben West-Point-Absolvent, im spanisch-amerkanischen Krieg das Leben verlor und die Mutter ausstieß: "Warum er und nicht Robert". Aus Benchley wurde ein Satyriker von Rang, 1919 geschäftsführender Herausgeber bei der 1914 entstandenen New Yorker Zeitschrift "Vanity Fair" (untergegangen mit der Weltwirtschaftskrise, 1980 neu belebt). Im Bund mit des Blattes Theaterkritikerin, Dorothy Parker-Rothschild (1893-1967) und mit dem aus dem Krieg heimgekehrten und von ihm engagierten Kritiker und Dramatiker Robert Sherwood (1896-1955), bildete sich ein literarisches Trio. Es entstand die Algonquin Round Table im gleichnamigen Hotel in der Upper West Side. Der "Vicious Circle" der schreibenden Lästerer. Auch Roberts Frau, Gertrude Darling, seine Schülerliebe, war dabei. Später wurde Benchley obendrein ein Filmstar, zum Beispiel in Leonards "Dancing Lady" 1933 oder in Hitchcocks "Foreign Correspondent" 1940. Robert war nicht der letzte literarisch namhafte Benchley.
Nathaniel, der 1915 geborene Sohn, war Schriftsteller, Drehbuchautor, Freund und Biograph von Humphry Bogart. Enkel Peter (geb. 1940) war Redenschreiber für Lyndon Johnson, verfaßte das Jugendbuch "Jonathan visits the White House" 1964, schrieb mit "Jaws" (Schlünder) Literatur- und mit Steven Spielbergs Verfilmung ("Der weiße Hai") Filmgeschichte. Er ist nicht nur ein vielgelesener sondern auch ein vielgehörter und -gesehener Radio- und TV-Autor in Sachen Meer, Meeresforschung, Schutz der Fauna. Großvater Bob ließ übrigens seine Arbeiten von einem Freund aus der Studentenzeit in Harvard illustrieren, von Gluyas Williams. 1994 kam Alan Rudolphs "Mrs.Parker and the Vicious Circle" in die Kinos. (ks)