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Sie starben auf entgegengesetzten Seiten der Erde: im Osten von New Delhi, einer der Megapolen Indiens, und in Dijon, einer mittelgroßen Stadt Frankreichs. Die einen wurden vom einstürzenden Gebäude, in dem sie zu Hauf sich aufhielten, erschlagen. Die anderen verbrannten, als ihr Heim in Flammen aufgingen. 29 Wanderarbeiter in Indien, 7 in Frankreich. Eine Tragödie sowohl hier wie dort. Aber der Umgang mit den beiden Ereignissen war nicht der gleiche: Schlagzeilen auf allen Titelseiten in Indien, aber nur auf einer einzigen eines Regionalblattes in Frankreich. Kann man daraus schließen, dass die Inder sich mehr um ihre Wanderarbeiter sorgen, als die Franzosen? Während der Telegraph von Calcutta die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Migranten zum Fanal erhebt, begnügt sich die dijonner Bien public mit einem Bericht vom Fortgang der Untersuchung.

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Immer mehr Menschen Indiens verlassen ihre Dörfer, wandern von einem Staat der Föderation in einen anderen, aus den Nachbarländern in den Subkontinent, versuchen ihr Glück um mit ein paar gesparten Rupies das Überleben ihrer Familien zu sichern. Devadeep Purohit, Imarn Ahmed Siddiqui und Rith Basu beschreiben den Alltag dieser Mitbürger ganz unten, die vom Hunger in die großen Städte und in unterqualifizierte Arbeitsverhältnisse getrieben werden, zehnmal schlechter bezahlt als die Ortsansässigen. Die Autoren stießen vor den Ruinen des Gebäudes auf Bhim Halder, der in der Bundeshauptstadt als Chauffeur arbeitet. Sein 15 jähriger Vetter mit seinen Eltern und fünf Brüdern und Schwestern lebten hier in einer Behausung, die eher einem Kaninchenstall glich. "Die meisten von uns leben in diesen unmenschlichen Umständen", berichtete Bhim den Korrepondenten des Telegraph, "aber wir können nicht zurück in unsere Dörfer, solange wir das Hungerproblem haben". In Bengalen, wo Bhim zuhause ist, könnte er nicht mehr als 2000 Rupies (33 Euro) im Monat verdienen, während er in Delhi auf bis zu 10 000 (165 Euro) kommt. Dafür würde er auch in den Abwässertunneln leben. Indien registriert jedes Jahr bis zu 13 Millionen Menschen, die den als Elendsregion bekannten Staat verlassen, Calcutta, die übervölkerte Stadt aber auch das Land ringsum. Ihr Ziel : die angeblichen Eldorados Indiens.

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In Dijon wohnten die Opfer in einem Adoma-Heim. Adoma, das klingt warm: a doma - zu Hause - klingt besser als Sonacotra, Acronym für Staatliche Arbeiterwohnungsbaugesellschaft, unseeligen Andenkens an Zeiten des Algerienkrieges, an blutige Attentate in der Ära Giscard, an Ghettoeindrücke. Nichtsdestotrotz: ein Immigrantenheim bleibt ein Immigrantenheim, auch wenn das abgebrannte sich Residenz am Ouche-Brunnen nannte. Franck, der aus einem osteuropäischen Land kommt, hat gesehen, berichtet die Bien public, wie Samba, ein 70jähriger Bewohner mit Hilfe eines Bettuches aus dem Fenster klettern wollte. Aber das Tuch riss, oder er verlor den Halt, prallte 6 Etagen tiefer auf und starb. 190 Menschen, davon 80 Asylbewerber lebten in dem Gebäude. Die Untersuchungsbehörden haben keine Zweifel: der Brand, der von einem Abfallbehälter ausging, war gelegt worden. Es seien zwei Personen verhaftet worden. Wer, warum, wie? Zur Zeit weiß das niemand.