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Schock der Zivilisationen? Weit gefehlt! Der Christian Science Monitor, eine der ältesten und angesehensten Bostoner Tageszeitungen, erzählt uns ein Märchen aus der Wüste unter der Überschrift "Stählerne Kamele: im saudiarabischen Sand röhren die Harley Davidson". Caryle Murphy, der Korrespondent des Blattes, berichtet in oft lyrischen Tönen von seiner Durchquerung der Wüste in Begleitung von anderen Motorradfahrern einer neuen Art. Er ist begeistert. Sehr sauber, kurze Haare, soweit man sehen kann keine Tätowierung: die jungen Ärzte, Ingenieure oder Unternehmer haben ihre traditionelle Gandurah mit Jeans und T-shirt der berühmten Motorradmarke vertauscht und das ist auch die einzige Konzession, die sie ihrer neuen Leidenschaft machen. "Die Nacht bricht an und als Adel Mallawi seinen schwarz-ledernen Helm aufsetzt, umgibt ihn im Halbmondschein ein Strahlenkranz."

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Das Abenteuer begann vor vier Jahren, als einer von ihnen in Irland angesichts solchen Wunschobjekts in Verzückung geriet, es nach Ryad brachte und sich für Saudiarabien zum Vertragshändler des ältesten und kostbarsten motorisierten Zweirads erklärte (schon 105 Jahre...) Der elitäre neue Klub zählt mehr als 300 enthusiastische Anhänger und trifft sich einmal im Jahr zu einer Reise von 1200 km, quer durch die Wüste zur Jahresversammlung der Harleybesitzer des Mittleren Ostens (HOG).

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Die Gewandtheit, mit der sie ihre Leidenschaft für diese Ikone des manchmal so verhassten Abendlandes mit den Traditionen eines strengen Islams in Einklang bringen, faszinierte den Journalisten. Während im absolutistischen, islamischen Königreich die amerikanischen (und europäischen) Motoradfahrer, die Hells Angels, als gewalttätig, dreckig, und die Gesetze verletzend gelten, werden die Kollegen hier problemlos angenommen. Von Provokation kann keine Rede sein. Während ihrer Raily halten sie regelmäßig zum beten an und vergessen nie, ihre Teppiche mitzunehmen, und ihre Familien geben zu, dass dies Steckenpferd einem Männlichkeitswahn entspricht. Begegnungen mit der religiösen Polizei laufen stets mit der größten Höflichkeit ab. Auf Beleidigungen von Autofahrern die die quasi satanischen Eindringliche im heiligen Land in Wut versetzt, reagieren sie mit Humor: "Und ihr, schämt ihr euch nicht, in einem Ford zu fahren?". Und wenn sie Ausländer oder im Ausland lebende Saudis zu ihren Fahrten einladen, ergehen sie sich in Lobeshymnen auf die Landeskultur...

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Allerdings gibt es einen neuralgischen Punkt: im Land der vollkommenen Trennung der Geschlechter sind diese Träume von der großen Freiheit, vom Wind in den Haaren, selbstverständlich nur für Männer. Frauen haben kein Recht, Fahrzeuge zu fahren, weder vier- noch zweirädrige. Es ist vorgekommen, dass der ein oder andere der jungen Männer, in einem Anflug von Optimismus, seine Frau oder seine Schwester auf dem Rücksitz mitnahm. Die Religionspolizei reagierte prompt. Wenn man unbedingt eine junge Saudierinn auf einem solchen Boliden bewundern möchte, ist das dennoch möglich: im Libanon...