JPEG - 298.6 kB

"Bomben verursachen ein Chaos in der Stadt." Wir sind nicht in Bagdad, auch nicht in London oder Madrid, sondern in Christchurch, der ruhigen Hauptstadt der Region Canterbury in Neuseeland. Christchurch ist die zweitgrößte Stadt des Landes und die Tageszeitung, die diese Überschrift bringt, ist kein Boulevardblatt, sondern das bedeutenste Organ der Stadt. Die bestürzende Meldung jedoch - vier Bomben explodieren gleichzeitig in einem Busbahnhof, einer Müllablage, einer Tankstelle und einem Einkaufszentrum, fast ein neuer 11. September, 11 Mars, 11. Juli - wurde von der Presse nirgendwo aufgenommen. Vielleicht weil es sich um den 17. August handelt..., zweifellos aber, weil der Artikel auf der Titelseite der Sonntagsausgabe mit dem Satz schließt: "Diese Explosivkörper sind nicht sehr gefährlich und niemand sollte sich beunruhigt fühlen."

JPEG - 176.3 kB

Der neuseeländische Leser gleitet also in wenigen Zeilen von der Angst, dass sein Land zur neuen Zielscheibe von El-Quaida-Nachahmern geworden sein könnte, in die zornige Stimmung, dass man ihn für dumm verkauft hat... Er hat nämlich inzwischen erfahren, dass ein Mann des Busreinigungspersonals schwer verletzt wurde, dass die Bomben aus Trockeneis (Kohlendioxid) hergestellt waren, dass drei Verdächtige vom europäischen Typus gesucht werden und ihre Fotos verbreitet werden konnten. Letzteres dank der Überwachungskameras, mit denen die Stadt reichlich ausgerüstet ist. Der mit der Untersuchung beauftragte Polizist hat nach den ersten Ergebnissen im Brustton der Überzeugung verkündet: "das Ganze ist nichts weiter als ein Studentenstreich"...

JPEG - 226.1 kB

Wir gehen zur anderen Seite des Erdballs (dort wo die Leute, von Neuseeland aus gesehen, den Kopf unten haben), nach Österreich. Dort stehen die Zeitungen in den "Startlöchern" für die Feier des 23. Augusts, ein Datum, das Zukunft haben könnte und in der kollektiven Erinnerung an die Stelle von Mozarts Geburtstag (27 Januar 1756) oder vom Schlußakt des Wiener Kongressen nach der Niederlage Napoleons (9. Juni 1815) treten könnte. Am 23. August 2007 jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem eine junge Frau von 18 Jahren, Natascha Kampusch, freikam. Nach 8-jähriger Gefangenschaft im Bungalow eines Kidnappers (der sich inzwischen umgebracht hat), unweit der elterlichen Wohnung. Eine tragische Geschichte, die seither den Betroffenen und denen, die mit ihnen beschäftigt waren, zu Reichtum verholfen hat: Nataschas Mutter hat gerade "Verzweifelte Jahre" veröffentlicht (wie es scheint eine therpeutische Aktion) und die österreichischen Medien haben eine Woche vorher schon mit der Erinnerung an die Fakten und dem Bericht über die Folgen begonnen und rivalisieren miteinander über die Titelseiten.

JPEG - 64.9 kB

"Geschäfte, Gerüchte, Geheimnisse" titelt eine Zeitung. Man erfährt, Foto zur Bekräftigung, dass die junge Heldin Bogenschießen gelernt hat, dass sie ihren Führerschein erworben hat, dass man sie im ORF, dem öffentlichen audiovisuellen Kanal, hören kann, und dass sie überall wiederholt: "Nein, ich bin kein Superstar!" Nur sollte sie jetzt als Angestellte der Medien wissen, dass Star oder nicht Star nicht allein ihrer Entscheidung anheimfällt.

JPEG - 312.7 kB

Wir bewegen uns wieder nach Osten, ins Reich der aufgehenden Sonne. Die Asahi Shimbun (ich erinnere daran, dass allein die morgendliche Ausgabe in 8 Millionen Exemplaren erscheint, und 3000 Journalisten bei der Zeitung arbeiten) hat ein neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert: das finanzielle Fass ohne Boden, das die Residenz des Botschafters bei den Vereinten Nationen darstellt. Kenzo Oshima selbst, der scheidende japanische Botschafter, hat, bevor er sein Haus verließ, die Alarmglocke gezogen. Auf gepackten Koffern hat er dem Eigentümer, dem japanischen Staat, einen letzten Rat gegeben: "Seht zu, dass ihr das Ding los werdet!" Das historische Gebäude in der Nähe des Central Park in New York wurde 1999 gekauft und ist heute 3,5 Milliarden Yen (mehr als 30 Millionen Dollar) wert. Es kostet jährlich die Kleinigkeit von 150 000 Dollar für Erhaltung und Reparaturen.

JPEG - 75.8 kB

1900 von der Familie des Eisenbahnmilliardärs Vanderbilt errichtet, ist das Bauwerk mit seinen zwei Etagen und 2350 Quadratmetern für seine jetzige Funktion, Kenzo Oshima zufolge, überhaupt nicht geeignet: es gibt keinen Empfangssaal, keinen Parkplatz und es liegt mehr als 2 Kilometer vom Sitz der Vereinten Nationen entfernt... Zum Beweis der Unmöglichkeiten legt der Botschafter Zahlen vor: Japan gibt zehn Empfänge pro Jahr, Südkorea und Deutschland dagegen fünf Mal mehr! Nach neuesten Meldungen hat die Japanische Regierung ablehnend beschieden: das Gebäude entspräche durchaus dem Prestige einer Nation, die sich anschickt, ständiges Mitglied im Sicherheitsrat zu werden, und sei obendrein vom ersten Botschafter in New York, dem Vater der Prinzessin Masako erworben worden. Mit anderen Worten: mit der kaiserlichen Familie legt man sich nicht an...


Schmus - "Faits divers" lautet der französische Titel des vorliegenden Beitrags. Kurt Tucholsky (1890-1935) übersetzte 1926 den Ausdruck mit "Schmus". ("Wie sich der deutsche Stammtisch Paris vorstellt")