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Zu Anfang dieser Woche konnte man sich in gewisser Weise wirklich freuen: Am Morgen nach der Wahl von Nicolas Sarkozy zum Präsidenten machte Frankreich überall Schlagzeilen. Fast überall... Die Bürger der Vereinigten Staaten nämlich hatten nur Augen für die Königin von England. Bewundernd, leicht gezwungen, schüchtern, wie ihr Präsident, als er sich bei der Begrüßungsansprache vertat und Elizabeth II. zwei Jahrhunderte zurückversetzte. Er wandte sich ihr zu, registrierte ihre Reaktion und sagte dann :"Sie hat mich angesehen, wie nur eine Mutter ihr Kind ansehen kann...". Bei der Gelegenheit erfahren wir auch, dass George Bush nie vorher einen Smoking getragen hat... kurzum, eine Nachricht von größter Bedeutung.

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Komischerweise führte auch in Deutschland die Feder der Journalisten nicht nach Frankreich. Oder vielmehr: die Schlagzeilen wurden im Laufe der Nacht über den Haufen geworfen. Wir haben früher schon mal festgestellt, dass dies Land nicht aufhört, sich an seiner Vergangenheit zu stoßen oder auch an seinen vielen Vergangenheiten: Nazismus, Kommunismus, Terrorismus... Diesmal erregt sich der Nachbar jenseits des Rheins über den Status eines ehemaligen Mitglieds der Roten Armee Fraktion, das 1983 für die Beteiligung an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback (aber auch an der des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer)zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

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Man muss schon sagen, die Gefangenengeschichte von Christian Klar in den letzten Wochen ist ziemlich einzigartig. Mehrere ehemalige Mitglieder der Roten Armee Fraktion sind seit 1988 von deutschen Präsidenten begnadigt worden. Aus Gründen "nationaler" Versöhnung und weil die Verurteilten sich bereit erklärten, mit der Polizei zusammenzuarbeiten oder sich bußfertig zeigten. Das ist nicht der Fall für Christian Klar. Zahlreiche Intellektuelle haben sich für ihn interessiert: der Journalist Günter Gauss hat ihn im November 2001 in seiner Zelle interviewt und im August 2005 hat Klaus Peymann, der Berliner Theaterdirektor, ihm eine Technikerstelle angeboten.

Damit er jedoch diese Stelle antreten kann, braucht er entweder bedeutende Hafterleichterungen oder die Begnadigung durch den Präsidenten. Was tut er? Im Januar 2007 richtet Christian Klar, der sich vom Terrorismus losgesagt hat, aber sich weigert, von Reue und Buße zu sprechen, eine Grußbotschaft an ein Treffen von Globalisierungsgegnern.

Als die Rede von einem Gnadengesuch aufkam, protestierte die Familie eines der Opfer laut, während der Sohn von Generalbundesanwalt Buback, der Klar in seiner Zelle aufgesucht hatte, sein Gesuch unterstützte (zumal neue Tatsachen, die der Spiegel aufgedeckt hat, Klar in Sachen Mord am Vater Buback zu entlasten scheinen).

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So kam es zwischen Freitag letzter Woche und Montag zur letzten Episode: Präsident Horst Köhler kündigt an, dass er, nachdem auch er mit dem ehemaligen Kämpfer der bleiernen Zeit gesprochen hat, ihm seine Gnade verweigern wird. Die deutsche Presse zeigte, von einer immer noch gegenwärtigen Vergangenheit gequält, Reaktionen für und wider diese Verweigerung. Zufälliges Zusammentreffen: in Frankreich wurde die Bewilligung für den Freigang von Nathalie Ménigon, ehemals Anführerin der Action directe, einer Art Variante der RAF, vom Gericht einstweilen verschoben. Der neue französische Präsident betonte noch am Wahlabend und in seiner ersten Ansprache: "Bußfertigkeit ist eine Form von Selbsthass". Gleichzeitig verurteilte er "den Wettstreit der Erinnerungskulte, der den Hass der jeweils Anderen nähre".

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Den Versuch, die Meander der Vergangenheit und die verheerenden Wellen die heute noch die Menschen einzeln und in Gemeinschaften berühren, zu erörtern, machte am Dienstag die Tageszeitung Le Devoir in Quebec. Sie berichtete vom 75ten Kongress der ACFAS (französisch-kanadische Vereinigung für den wissenschaftlichen Fortschritt), der in Trois Rivières stattfand. Dort waren Wissenschaftler aus Quebec, Afrika und Europa zusammengekommen, um die Frage "Kann Erinnerung mit einer einzigen Stimme sprechen?" zu beantworten. Die Kongressteilnehmer kamen zu der Feststellung: "Die zunehmende Vereinnahmung der Erinnerung von Staats wegen, in der Absicht zu einer sogenannten (von allen) "geteilten Erinnerung" zu kommen, trägt auch die Absicht in sich, zu einem Konsens zu kommen, der eine immer größere Zahl indivueller Geschichten im Dunklen lässt."