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"Ich verkörpere bei weitem nicht den idealen Menschen, aber ich bin ein Mensch mit Ideen. " Mit diesen Worten schloss Michail Chodorkowski, der berühmteste ökonomisch-politische Straftäter Russlands, in der letzten Woche seinen erneuten Auftritt vor den Richtern. Das Gericht geriet zur Tribune und zwar, je nach Blickwinkel des Beobachters, für oder gegen den Angeklagten. Ich könnte die feste, obgleich leise Stimme hervorheben, das unpathetische Timbre, das gealterte Gesicht, die sparsame Gestik, alles was heute den ehemals von Glanz umgebenen, funkelnden Geschäftsführer der Erdölfirma Jukos ausmachte. Kein wirklicher Justizirrtum, denn er hat selbst zugegeben, sich wie viele seiner Ko-Oligarchen reichliche Freiheiten gegenüber den Gesetzen herausgenommen zu haben als das Recht zu Beginn der 90er Jahre auf wackligen Füßen stand. Kein Justizirrtum, wohl aber eine flagrante Ungerechtigkeit.

Hier also, anstelle eines Berichts aus dem Gerichtsaal, die Übersetzung seiner Ansprache, ein bemerkenswerter Text, den die vierzehntägig erscheinende Nowaja Gaseta in Gänze publiziert.

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"Hohes Gericht, verehrte Anwesende! Heute habe ich erneut Gelegenheit, zu Wort zu kommen. Ich erinnere mich an den Oktober 2003, an meinen letzten Tag in Freiheit. Ein paar Wochen nach meiner Verhaftung wurde mir mitgeteilt, welche Entscheidung Präsident Putin in meinem Fall getroffen hatte: ich solle 8 Jahre lang bei Brot und Wasser darben. Es fiel mir schwer, das zu glauben. Seither sind 7 Jahre vergangen. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, zumal im Gefängnis. Zeit zum Nachdenken und Zurückschauen. Der Staatanwalt hatte sogar erklärt: "Ich fordere 14 Jahre..." und auch noch: "Gehen sie über das frühere Strafmaß hinaus!" So habe ich im Laufe der Jahre eine gewisse Skepsis entwickelt, was das Recht angeht. (...) Aber ich will mich nicht bei den juristischen Aspekten meines Falls aufhalten. Wer die Dinge verstehen wollte, hat sie längst verstanden (...) Ich möchte über Hoffnung sprechen. Hoffnung - als das wichtigste Element im Leben.

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Ich erinnere an das Ende der 80er Jahre. Ich war 25 Jahre alt. Unser Land lebte in der Hoffnung auf Freiheit und wir konnten uns für uns selbst und unsere Kinder eine glückliche Zukunft vorstellen. Aber so lief es nicht und daran war unsere Generation schuld, also auch ich. Ich erinnere mich ebenfalls an das Ende der 90er Jahre. Da war ich 35 Jahre alt. Wir hatten die schönste Erdölfirma Russlands aufgebaut. Und gleichzeitig bauten wir Sportanlagen, Kulturzentren, entwarfen Verkehrswege, richteten Geburtskliniken ein, entwickelten Ostsibirien anhand neuer Erölquellen und neuer Technologien. Derartige Fortschritte ließen uns auf ein neues, weniger krisenhaftes Leben hoffen.

Aber auch da sind wir gestrandet. Statt Stabilität kam Ausweglosigkeit. Die Gesellschaft stagnierte. Dennoch blieb die Hoffnung. Heute stehe ich hier in Chamownitschesko vor diesem Gericht und bin 50 Jahre alt. Als vor mehr als zwei Jahren ein neuer Präsident gewählt wurde, kam bei vielen Mitbürgern neue Hoffnung auf. Hoffnung, das Russland sich modernisiere, eine reiche Zivilgesellschaft entwickle. Dass es sich vom bürokratischen Durcheinander, von Korruption, Ungerechtigkeit und Unordnung emanzipiere. Sich all derer entledige, die dutzende von Menschen in Gefängnisse und zur Folter geschickt haben. (...) Dass ich alles beschämende vergessen könnte, denn ich schäme mich derer, die uns regieren.

Das Recht schützt uns nicht. Oder vielmehr: unsere Rechte werden von den Gerichten nicht geschützt. Denkende Menschen wissen, dass sie hier in Russland ihre Vorstellungen nicht verwirklichen können. Wer modernisiert die Wirtschaft? Die Staatsanwälte? die Polizei? die Sicherheitsdienste? Unsere besten Köpfe wissen, das sie wissenschaftlich nicht in Russland, sondern nur im Ausland vorwärts kommen.

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Was ist aus den anfänglichen Initiativen des Präsidenten auf dem industriellen Sektor geworden? Begraben? In Chodork werden sie offensichtlich wohl kaum durchs Nadelör gehen. Begraben, aber weshalb? Weil das Land für die Umsetzung mehr als einen Koroliew (Menschenrechtler) braucht, mehr als einen Sacharow, in Schach gehalten von einem Nachfolger Berijas mit seinen Soldatenmillionen. Das Land braucht tausende Koroliews, hunderttausende von Sacharows. die Reformen betreiben und beleben, damit sie nicht in den Regalen verstauben. Aber wo sind die Koroliews, die Sacharows? Sie sind weg? Wieder verschwunden in innerer Emigration? Versteckt im Labyrinth der Bürokratie, um den Planierraugen des Systems zu entgehen? Wir, Bürger Russlands, Patrioten unseres Landes müssen den Gang der Dinge ändern. Wie kann Moskau das Finanzzentrum Eurasiens werden, wenn unsere Staatsanwälte unmittelbar in Produktion und Kapitalwirtschaft privater Unternehmen eingreifen und dynamische Unternehmer zu 14 Jahren Haft verurteilen?

Ein Land, dass Bürokratie fördert und hunderttausende talentierter Untnehmer, Manager oder einfache Bürger ins Gefängnis steckt, ist ein krankes Land. Ein Staat, der seine besten Firmen, die durchaus Weltmeister werden könnten, zerschlägt, der seine Mitbürger missachtet, der ist ein kranker Staat. (...)

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass wir diesen Gang der Dinge nur aufhalten können, wenn sich Millionen Augen, und zwar überall in der Welt, auf uns richten. Dann kann Russland vielleicht ein Hort von Recht und Freiheit werden, wo Gesetz Gesetz ist. Wo oppositionelle Parteien keine Unterdrückung erfahren. Wo die Sicherheitsdienste Bevölkerung und Recht schützen und nicht ein bürokratisches Volk und ebensolche Gesetze. Wo die Menschenrechte nicht von der Laune eines Zars abhängen, sei sie gut oder schlecht. Wo die Regierung sich vor dem Volk und den Gerichten, vor dem Gesetz und vor Gott verantworten muss. Wenn sie es so wollen, nennen sie es Gewissen: ich glaube so ist es. Ich verköpere gewiss nicht den idealen Menschen, aber ich bin ein Mensch mit Ideen. Ich und meinesgleichen haben ein hartes Leben in den Gefängnissen und wir wollen dort nicht sterben. Aber falls es so kommt, weiche ich dem nicht aus. Ich glaube an mein Leben, das meine ich bewiesen zu haben. Und an was glauben sie, meine Herren Gegner? An verordnete Wahrheiten? An das Geld? An die Straffreiheit "des Systems"? Ich weiß es nicht. Es geht mich nichts an, es betrifft Sie."