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Über zwei schlechten Nachrichten trennten sich letzte Woche die Berliner (aufs neue) und die Petersburger (so heftig, dass der Winterpalast wackelte) in zwei Lager.

In Berlin scheint eine weit über die Stadt hinaus verbreitete Einrichtung aufs schlimmste bedroht: die Schrebergärten. Seit dem 19ten Jahrhundert erstrecken sie sich entlang der Spree, an Waldrändern, an Bahndämmen oder auch an den Ufern der Seen in der Umgebung der Stadt. Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts hatten Arbeiter begonnen, verwaistes Bauland zu besetzen um dort Kartoffeln zu pflanzen. In der berechtigten Hoffnung, dass damit auch die sozialen Spannungen in der Stadt abnehmen würden, wurde die Aktion von den Behörden toleriert. Zu Zeiten der Weimarer Republik beanspruchten die Schrebergärten zirka 6200 Hektar, doppelt so viel wie gegenwärtig.

Andere europäische Länder ließen sich von einem Modell, das produktive Freizeitgestaltung bedeudete, inspirieren.

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Aus dem Spiegel erfahren wir jetzt, dass der Berliner Senat (wenn man so will der Aufsichtsrat der Schrebergärten), um die Schulden der Stadt zu bezahlen, dabei ist, ein fünftel der Blumen und Gemüsegärten an Grundstücksmakler zu verkaufen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die idyllischen kleinen Landstücke kaum noch von Familien, die sie zum Überleben brauchen, beackert werden. Heute dienen sie eher der Erholung gestresster Mittelschichtstätter. Sie sind sozusagen die Landsitze gleich neben an. Abgesehen von, im Sommer manchmal sehr aggressiven, Mücken bieten die Häuschen und auch ihre Bewohner eine liebenswürdige Umgebung.

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Die Stadt verlangt von den Pächtern (es gibt keinen Besitz bei diesem Sozialprojekt) nur, dass ein Viertel der Fläche dem Gemüse- und Obstanbau gewidmet wird. Dabei wird allerdings nicht verlangt, dass man auch erntet... Peter Ehrenberg, Präsident eines Vereins von 500 000 solcher Sonntagsgärtner, fordert von den Behörden, dass sich bis 2020 nichts ändere. Er verweist auf die vielen guten Seiten dieser Gärten, auf ihre Umweltfreundlichkeit, auf die Bedeutung für die Vogelwelt und nicht zuletzt seien sie ein wohlfeile Einrichtung für körperliche Betätigung... Bis jetzt scheint erst ein einziges dieser kleinen Paradiese dem Untergang geweiht.

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Weiter nördlich, in Sankt Petersburg bringt ein Wolkenkratzer die Gemüter der Bewohner des einzigartigen, makellosen Beispiels zaristischer Architektur in Wallung, und mit ihnen fast das ganze Land... Ungefähr 3000 Personen demonstrierten letzte Woche in Peterburg gegen das Vorhaben von Gasprom (dem in seinem Gewicht in Russland kaum zu überschätzenden Medien- und Energiekomplex), im historischen Zentrum der Hauptstadt des alten, zaristischen Russland einen Wolkenkratzer zu errichten. Der Pfeilbau aus Glas soll 400 m hoch werden und würde die geometrischen Perspektiven, in gewisser Weise die Rechtwinklichkeit eines Juwels im Weltkulturerbe zerstören.

"Geschichte ist wichtiger als Geld" proklamieren die Gegner des Projekts. Die Unesco warnt ihrerseits, dass der Bau des 77 stöckigen Glasturms den Status von Petersburg als Weltkulturerbe in Frage stelle. Doch die Behörden sehen in dem "Ochta-Zentrum" einen wichtigen Schritt in der Stadtentwicklung.

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Andererseits ist der russische Kulturminister Alexandre Awdejew höchst persönlich ein Gegner des Vorhabens und verlangt von der Justiz die Prüfung auf eventuellen Verstoß gegen föderale Gesetze. Das erklärte er in einem Interview mit der Wirtschafts-Tageszeitung Kommersant.

Nach einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungszentrums bei 12 000 Petersburger/inne/n waren diese Woche 18 % für den Bau des Wolkenkratzers und 77 % wollten die Ästhetik der Stadt gewahrt sehen.

Und was wäre, wenn die luftige Architektur des Gebäudes den Stadtperspektiven nichts von ihrer Schönheit nehmen würde. Und eine Stadt von ganz verschiedenen Zeiten zeugen würde?


Anmerkung des Übersetzers:

Aus Wikipedia lässt sich entnehmen, dass erste "Armengärten" 1806 quasi "von oben" auf Anregung des Landgrafen in Kappeln an der Schlei angelegt wurden, dass in der Mitte des Jahrhunderts ebenso in Berlin Laubenkolonien und Arbeitergärten, auch Eisenbahnergärten eingerichtet wurden. In Leipzig entwickelte der pensionierte Oberlehrer Heinrich Karl Gesell eine Elterninitiative "von unten", die 1869 in noch frischer Erinnerung an den Leipziger Orthopäden und "Erziehungsenthusiasten" als "Kleingartenanlage Dr. Schreber" Vereinsstatus erlangte. Dass Schreber mit seinen ziemlich populären Erziehungsschriften auch schlimme pädagogische Ansichten vertrat ("schwarze Pädagogik"), deren Gewicht in der Anamnese der psychischen Leiden der eigenen Kinder zum Vorschein kommt, ist hinlänglich bekannt - oder auch nicht.
Übrigens spricht der französische Text nicht von Schreber- sondern nur von Arbeitergärten (jardins ouvriers), die "neutrale" deutsche Bezeichnung wäre vielleicht "Kleinkärten"...