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In Deutschland, in Finnland, in Frankreich und selbst in Russland herrschte diese Woche die gleiche Beunruhigung in allen Blättern: lassen wir uns jetzt andauernd von unseren Freunden, unseren Arbeitgebern, unseren Regierenden und, was zweifellos das schlimmste wäre, von uns selbst überwachen? Die diffuse Angst nährt sich aus mehreren spektakulären Affären: in Finnland wurde die "Lex Nokia" ratifiziert, die den Unternehmen erlaubt, die elektronische Post ihrer Beschäftigten zu überwachen; in Deutschland hat der mächtige Leiter der Deutschen Bahn seinen Abschied nehmen müssen, weil er die Emails von Gewerkschaftlern hat ausspionieren lassen und während des Arbeitskonfliktes Aufforderungen zur Arbeitsniederlegung unterdrücken ließ; die russische Iswestja erhielten ein interessantes Angebot, das ihnen Zugang zu den privaten Daten der russischen Nomenklatura, der Oligarchen und der Topmodelle versprach; und Le Monde schickte einen Reporter in die Galaxie Facebook, da wo sie von Kopfjägern zur Rekrutierung verwendet wird...

Begeben wir uns zunächst nach Finnland. Im vergangenen Februar verlangte Nokia, der Mobiltelefonriese und einer der größten Arbeitgeber in nördlichen Landen, von der Polizei, sie solle die elektronische Post von Beschäftigten überwachen, die verdächtigt wurden, vertrauliche Informationen an die Konkurrenz weiter zu geben. Trotz vieler Bürgerrechts- und Datenschutzeinwände reichte die ökonomische und soziale Bedeutung des Unternehmens, das Parlament des Landes zu überzeugen, solche Forderungen in einem Gesetz, der sogenannten Lex Nokia, zu verankern. Jetzt können Angestellte, die zum Beispiel verdächtigt werden, die Netze des Unternehmens, in dem sie arbeiten, zu illegalen Zwecken zu verwenden oder Betriebsgeheimnisse zu verraten, beschattet werden. Die Staatspräsidentin hat das Gesetz ratifiziert, trotz aller Petitionen und Proteste der um ihre bürgerlichen Freiheiten besorgten Landsleute.

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Fast gleichzeitig wurde Hartmut Mehdorn, der oberste Chef der Deutschen Bahn, dieses allmächtigen deutschen Bahnunternehmens, mit der Hand in der Tasche, oder vielmehr mit dem Finger auf der Maus dabei erwischt, wie er übers Internet 173 000 seiner Beschäftigten, das sind drei Viertel der Angestellten, ausspionierte. Im Kampf gegen alle Arten von Korruptionsversuchen, behauptet er. Nur gibt es da ein kleines Problem: die Gewerkschaften haben aufgedeckt, dass ihre Mails umorientiert wurden, ja selbst einfach von der Bahndirektion gelöscht wurden, wenn sie die Auffoderung zum Streik enthielten. Hartmut Mehdorn hat für alles eine Antwort: in Deutschland ist es scheinbar verboten, über Email Anhänger für soziale Bewegungen zu werben... Aber selbst wenn er immer Recht hat, musste seine, in den eigenen Augen unabsetzbare, Persönlichkeit den Hut nehmen.

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Nichtsdestotroz scheint die Aufregung, die diese beiden Affären verursachten, etwas übertrieben. Denn will man der Moskauer Iswestja und der Pariser Le Monde Glauben schenken, zirkulieren unsere persönlichen Daten seit langem schon fröhlich im Internet und jeder einigermaßen geschickte Mensch kann sich ein überraschend genau erscheinendes Portrait herausangeln. Ein Portrait, das vielleicht doch nicht ganz so exakt ist, wie die beiden Zeitungen es sich vorstellen. Die Rechercheure der russischen Zeitung stoßen sich an jenem Angebot, das auf einer in den Vereinigten Staaten beherbergten Webseite gemacht wird und private Informationen über Bürger/innen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) aus einer Datenbank mit mehr als 5 Milliarden Akten anbietet, obwohl laut Verfassung "Sammeln, Speichern, Gebrauch und Verbreitung von Informationen über das Privatleben einer Person ohne ihre Einwilligung nicht zulässig ist". Von daher an diesem 1. April die allgemeine Entrüstung und Alarmstimmung...

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Ist das nicht einigermaßen spitzfindig in einem Land, in dem der KGB Milliarden und Abermilliarden von Akten anlegte (und vielleicht noch immer anlegt ?), die wirklich alles enhüllen, sogar das, was nicht stimmt. Übrigens ganz wie auch das Internet: Community-Seiten wie Facebook oder Suchmotoren wie Google unterscheiden nicht zwischen Wahrheit und Fantasie, schlucken alles wie Kraut und Rüben und spucken es genau so wieder aus. Man weiß ja schließlich, dass, ähnlich wie bei sexologischen Umfragen, nichts fragwürdiger ist als Profile, die im Internet erscheinen: man erfindet sich auf der ganzen Linie, man erträumt sich, man leistet sich ein Double, an das man übrigens unverbrüchlich glauben mag. Der Dichter Aragon, der sich mit mehrfachen Identitäten auskannte, nannte so etwas die "wahre Lüge".