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In dieser Woche Polemik auf allen Ebenen der deutschen Presse, Polemik um Bilder, Kult- oder gar Kunstbilder, falls es sich nicht doch um "Schinken" handelt... Über dem zwanzigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls hat man den sechzigsten Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland fast vergessen. Im allgemeinen und wohl inszenierten Herumtrampeln auf dem dahingegangenen sozialistischen Deutschland bildete allerdings eine kleine Figur die Ausnahme: das Sandmännchen hat 50 Jahre auf dem Buckel und noch alle seine Zähne und gehört zu den wenigen auf Seiten des Ostens, die als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgingen. Das Sandmännchen erschien, zittrig und in Schwarz-Weiß, zum ersten Mal am 22. November 1959 auf den Bildschirmen der DDR. In wenigen Wochen hat es seinen kapitalistischen Konkurrenten zum abgestandenen Püppchen an die Wand gespielt.

Halb Zwerg, halb altes Männchen, ein umtriebiger Held: der Sandmann erscheint jeden Abend um 19 Uhr, just bevor die Eltern ihre Nachkommenschaft mit einem endgültigen "Jetzt aber Schluss, der Sandmann ist vorbei!" ins Bett befördern. In gewisser Weise ein Vorläufer vom französischen "Gute Nacht ihr Kleinen". Am Ende der ersten Episode fiel der Sandmann totmüde in den Schnee und schlief gleich ein. Daraufhin schrieben ihm damals viele Kinder und boten ihm ihr Bett an. Seit der zweiten Sendung kehrt der Sandmann daher jedesmal heim in sein gemütliches kleines Haus. Im Westen, auf der anderen Seite der Mauer, hatte er genau so seine Liebhaber/innen wie im Osten: das war der zweite kommunistische Sieg nach der erfolgreichen Raumfahrt von Sputnik 1.

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Die Sandmann-Serie wurde nie unterbrochen, weder an Feiertagen noch in den Ferien, nur wenn einer der Oberen des Regimes das Zeitliche segnete. Nach der deutschen "Wiedervereinigung" gab es Leute die tabula rasa machen und auch den Sandmann streichen wollten: sie hatten das Nachsehen: über den ehemaligen Eisernen Vorhang hinweg erhob sich ein wahrhafter Aufstand."Der massive Protest von Fernsehzuschauern jeden Alters brachte den Sandmann zu neuem Leben und jetzt durchquert er ganz Europa vom Baltikum bis zu den Alpen", freut sich Martina Wünsch, eine der "Mütter" der Figur... Natürlich hat der geschlechtslose kleine Mann sich in der Konsumgesellschaft (sehr gut) entwickelt: jetzt verfügt er zum Beispiel über einen geradezu überwältigenden Fuhrpark an Fahrzeugen zu Wasser, zu Land und in der Luft, ausgerüstet mit den phantastischsten, futuristischen Gadgets...

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Sagten wir futuristisch? Was denken Sie von diesem zukunftsgerichteten Pfeil, den eine der weniger gelesenen Tageszeitungen Deutschlands auf ihren sehr viel populäreren Konkurrenten gleich nebenan in einer Berliner Straße abschießt? Die TAZ, das deutsche, wenngleich radikalere, Äquivalent der Pariser Libération, immer noch im Besitz seiner Macher und Leser, hat den Kollegen von der Bildzeitung ein Denkmal vor die Nase gesetzt, diesem (wenngleich ein bisschen anrüchigen) Schmuckstück der Springergruppe, berühmt wegen seiner Meldungen "aus der Gosse" und politisch ziemlich rechts, aber hundert mal mehr gelesen als die TAZ (siehe auch Günter Wallraffs Buch, französisch verlegt bei Maspero mit dem Titel "Le Journaliste indésirable").

Der riesige Penis markiert die neueste Etappe eines gnadenlosen Kampfes, den die beiden Tageszeitungen seit sieben Jahren um die Person von Kai Diekmann, dem Leiter von Bild, führen. Die deutsche alternative Szene verabscheut diesen Mann und die TAZ hatte 2002 in einem Artikel versucht, ihn lächerlich zu machen, er habe seinen Penis durch eine Operation verlängern lassen, die allerdings, derselben Quelle zufolge, schief gegangen sei...

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Kai Diekmann hatte daraufhin geklagt und hatte vor Gericht erreicht, dass die ruchlose Meldung überall und bis in die Archive getilgt wurde. Doch jetzt, nach sieben Jahren hat eben jener Diekmann selbst in seinem Blog das Originalpapier der TAZ veröffentlicht. Das den Grünen nahestehende Blatt findet prompt, dass der Witz damit Gemeingut geworden ist und schmückt sein Gebäude mit der riesigsten Erektion, will heißen der von Kai Diekmann, umrahmt von Personen und Skandalen, mit denen Bild seine Geschäfte gemacht hat. Das Kunstwerk stammt aus der Hand von Peter Lenk und trägt den hübschen Titel "Friede sei mit euch". Wenn er aus dem Fenster schaut kann der Pressechef jetzt täglich stolz sein auf eine solche Vitalität, denn die Fassaden der feindlichen Brüder stehen einander gegenüber...