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Die Bewohner der entzückenden Stadt Richmond am Pazifik, in der Provinz British Columbia, haben einen großen Kummer. Die Stadt zählt zum Einzugsbereich von Vancouver, liegt quasi als Vorstadt in der weiteren Umgebung im Süden. Richmond ist eine zwar sehr ausgedehnte aber lebendige Stadt mit der reichen Geschichte einer Wohlhabenheit, die bis auf die Pioniere zurückgeht. Doch wie die große Nachbarstadt ist sie heute fast ebenso chinesisch wie kanadisch: von jenseits des Meeres kamen Einwanderer zu hunderttausenden. Und nicht die bevorstehenden olympischen Winterspiele bilden, öffentlich ebenso wie privat, den Gesprächsgegenstand, sondern eine Skulptur, besser gesagt ein monumentaler Kopf.

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Das Kunstwerk war zur Eröffnung der Biennale von Vancouver im letzten Juli ohne viel Aufsehen angekommen. In Richmond wurde sie jedoch erst am 15. Dezember aufgestellt. Und seither nimmt das Gekreische zu... Obwohl, wie Adam McDowell von der National Post so hübsch schreibt "die Skulptur mit der winzigen Figur, die versucht, sich mit ihrer langen Balancierstange oben auf einem riesigen Kopf zu halten, auf den ersten Blick den Eindruck von Ausgewogenheit und Eleganz hervorruft." Kummer macht aber, dass der dicke Kopf den von Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, darstellt und die Liliputanerin, die ihm auf dem Kopf herumtanzt, einen feminisierten Mao. Das Ensemble wurde von zwei chinesischen Künstlern, den Brüdern Gao realisiert und trägt den Titel "Miss Mao".

Die Protestierer schreien, dass sie keine "zwei Massenmörder" in ihrer Nähe ertragen können und sehen in der Installation eine Beleidigung der Millionen Opfer. "Ein öffenliches Ärgernis im Gewand eines Kunstwerks" kommentierte ein Bürger der Stadt, während die Leser der Richmond News in den Seiten ihres Blattes eine "Non-stop-Kampagne" führen, weil sie glauben, dass man sich international während der olympischen Spiele über das Denkmal entrüsten wird. Sie wissen zweiffelos nicht, dass die Brüder Gao alles andere sind als fanatische Maoisten: ihr Vater wurde in der Kulturrevolution getötet und im letzten Sommer haben sie bei einem Happening in Moskau eine ihn darstellende Puppe mit Stockhieben zerschlagen! Als Undergroundkünstler werden sie in Peking regelmäßig von der Zensur verfolgt.

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Kunst scheint in Kanada oft Gegenstand der Diskussion zu sein: 2005 war es eine auf den Kopf gestellten Kirche von Denis Oppenheim, die den Zorn der Vancouverer (?) erregte, besonders natürlich der frommen: das Kunstwerk musste nach Calgary umziehen.

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Doch jeder hat so seinen Schreck: im letzten Herbst empörten sich die Calgaryer ihrerseits über die Bilder von riesigen Babys des autralischen Künstlers Ron Mueck, die die städtischen Busse zierten.

In dem Fall ist nicht bekannt, welche Bevölkerungsteile schockiert waren. Die Mütter? Die Väter? Die Babys?